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Podcasts für die Beratung?

Gestern las ich bei der Vorbereitung eines Workshops einen Beitrag der Bitkom, in dem beschrieben wurde, dass 22% der Deutschen regelmäßig Podcasts hören.

Da mich schon länger die Frage beschäftigt, wie sich Podcast auch in der psychosozialen Beratung einsetzen lassen, habe ich mal in die Twitterrunde gefragt, wer da etwas kennt. Das Ergebnis war überraschend für mich, denn es entspann sich eine kleine aber feine Diskussion, ob Podcasts in der Beratung überhaupt gehen und wenn ja, ob es dann überhaupt noch Podcasts sind.

Aber zurück zum Anfang: Podcasts, wer es noch nicht weiß, sind Audio- oder Videodateien, die man sich aus dem Netz herunterladen und anhören kann. Es geht also zunächst einmal um das Zuhören und dann ggf. reagieren in Form von Kommentaren auf einem dazugehörigen Blog o. ä.

Wenn jeder Fünfte Deutsche gerne Podcasts hört, ist für mich die Frage naheliegend, ob dies auch ein Format ist, mit dem Beratung angeboten werden kann. Denn scheinbar gibt es Leute, die sich lieber etwas anhören, als es z. B. zu lesen (wie es bei der Mailberatung der Fall wäre).

Und hier entwickelte sich die Diskussion gestern auf Twitter ganz interessant weiter: Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Podcast ja an eine größere Zuhörerschaft wenden und für die Beratung deswegen auch weniger geeignet wären, da sie sich nicht mit den individuellen Fragstellungen einer ratsuchenden Person beschäftigen würden. Dem stimme ich zu, frage aber gleichzeitig nach, inwiefern denn nicht auch Podcasts individualisiert angeboten werden können. Und hierbei lernte ich: Dann sind es eigentlich keine Podcasts, sondern wir müssten das Ganze Audioberatung nennen.

Die Frage, ob auch für eine größere Zuhörerschaft ein Beratungspodcast angeboten werden kann ist insofern interessant, als das Onlineberatungsforum ja ähnlich funktioniert: Eine ratsuchende Person erstellt eine Anfrage und viele weitere lesen (und schreiben) mit. Die Anzahl der „lurker“, also derer, die „nur“ mitlesen und nie selbst schreibend in Erscheinung treten ist in Beratungs-Foren enorm groß im Vergleich zu denen, die aktiv schreiben. Die Hypothese die hierzu häufig angeboten wird: Durch das Mitlesen holen sich die anderen Personen bereits einen Teil ihrer Beratung mit ab. Ähnlich könnte man jetzt zum Thema Podcast/Audionachrichten in der Beratung davon ausgehen, dass das Zuhören bereits einige Fragen klärt und vielleicht im Anschluss dazu einlädt, sich mit individuellen Fragestellungen an den*die Berater*in zu wenden.

Wie auch immer man das Ganze am Ende nennen möchte, ob Audioberatung oder Onlineberatung per Audio oder Beratungspodcast, ich bin nach wie vor auf der Suche nach jemanden, der*die sowas macht: Klient*innen per Audionachrichten Beratung anzubieten.

Und eigentlich steckt für mich hinter diesem ganzen Thema noch etwas viel Grundsätzlicheres: Nämlich die Frage, inwieweit Berater*innen bereit sind, sich mit den Möglichkeiten der neuen Medien auseinander zu setzen und Angebote zu entwickeln, die das Spektrum der erreichten Zielgruppen erweitern könnte. Ich höre, wenn ich diese Frage stelle allzu oft „Was sollen wir denn noch alles machen!?“ – und so sehr ich diese Rückmeldung (auch aus eigener Erfahrung) verstehen kann, so wenig kann ich sie doch gelten lassen. Denn wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit (potentiellen) Klient*innen zu tun bekommen, die medial anders sozialisiert wurden, als die, die wir vor 20 Jahren beraten haben. Insofern geht es vielleicht manchmal auch um die Frage „Was brauche ich künftig nicht mehr tun!?“ – und damit meine ich nicht, dass die face-to-face Beratung obsolet werden wird.

Was ich mir konkret vorstellen und wünsche: Berater*innen, die das eine oder andere digitale Medium nutzen, um sich und ihr Angebot zu präsentieren (z. B. ein Vorstellungsvideo auf YouTube, welches die Beratungsstelle und ihr Angebot erklärt, oder kurze Videos, die bestimmte Themen aufgreifen und darstellen, wie hier https://www.erziehungsberatung-passau.de/links/beispiel-videos/beispiel-videos ), die aber auch die digitalen Medien im Beratungsprozess einsetzen, wo sie gut passen. Sei es, indem gemeinsam im Netz zu einem Thema recherchiert wird, indem über ein Onlineberatungstool per Mail, Chat oder Video kommuniziert wird oder eben indem auch Audiosequenzen zur Verfügung gestellt werden, die den*die Ratsuchenden im Alltag begleiten können.

Und wer solange selbst ein paar Podcast (rund um das Thema Digitalisierung der Beratung) hören möchte, hier ein paar der Empfehlungen, die ich gestern dazu selbst auf Twitter bekam:

https://www.sozial-pr.net/

https://ideequadrat.org/

https://irgendwas-mit-menschen.com/

https://www.sozifon.de/

auch spannend, eine Plattform zum Thema crowdmoving https://helpteers.net/info/

und hier noch eine Übersichtsliste weiterer Podcasts: https://www.digital-sozial.net/themen/item/12-podcast-soziales

Buchtipp und was sonst so ansteht

Gerade eben saß ich noch mit Fachkräften aus der offenen Jugendarbeit zusammen und diskutierte mit ihnen darüber, ob und wie man die einschlägigen Sozialen Netzwerke für die Jugendarbeit nutzen kann und wie niedrigschwellige Zugänge zur Beratung gestaltet werden können. Ein Thema, das nicht ganz einfach zu beantworten ist, zumal gerade in der offenen Jugendarbeit die Grenzen zwischen „einfach nur mal miteinander Quatschen“ und dem Einsteig in ein Beratungsgespräch naturgemäß sehr fließend sind. Deutlich wurde in dem kurzen Gespräch, dass Sozialpädagog_innen/Sozialarbeiter_innen ein gutes Bewusstsein dafür haben, dass ihre Klientel viele Kanäle nutzen, um in Kontakt zu kommen und sich Rat und Unterstützung zu holen. Gleichwohl bleiben viele Fragen auf Seiten der Fachkräfte unbeantwortet, weil das Studium auf diese Realität (noch) nicht vorbereitet. Spannend und gleichsam schön zu sehen, dass sich was tut in der „Sozialen Szene“.

Ein ganz anderes Thema (oder irgendwie auch nicht) ist ein Buch, dass ich gerne empfehlen möchte. Es handelt sich um die veröffentlichte Dissertation von Joachim Wenzel zum Thema „Wandel der Beratung durch Neue Medien“ (unter dem Link findet man auf Wenzels Homepage eine Zusammenfassung, Leseprobe sowie das Inhaltsverzeichnis des Werks). Eine pointierte Rezension von Bernd Reiners findet man hier.

Kurz und knapp: Wenzels Studie zeigt auf, dass wir Beratung ganz neu denken müssen, da die Mediatisierung unserer Alltagswelt dazu führt, dass ’neue Medien‘ auch Veränderungen in der Beratung mit sich bringen. Er stellt hierzu nicht ‚Onlineberatung‘ der klassischen ‚face-to-face-Beratung‘ gegenüber, sondern regt vielmehr dazu an Beratung als Kommunikationsprozess zu betrachten, der mit Unterstützung unterschiedlicher Medien stattfinden kann. Und diese können eben analog wie auch digital sein. Wenn das jetzt noch die Beratungsverbände und Aus-/Weiterbildungsinstitute begreifen und das Thema ‚Onlinekommunikation‘ und ‚digitale Beratung’/’internetgestützte Beratung‘ in ihre Qualitätsstandards und Ausbildungscurricula aufnehmen – das wär’s!

Womit wir doch wieder beim Ausgangspunkt wären: Es ist dringend an der Zeit, dass sich auch in den Hochschulen etwas tut und die Studierenden der Sozialen Arbeit (und ähnlich einschlägigen Fachrichtungen) vermittelt bekommen, wie unterschiedlich Kommunikations/Beratungsprozesse gestaltet werden können – mit all ihren Chancen, Grenzen und Herausforderungen. Vor allem aber Chancen…