Archiv der Kategorie: Zukunft der Beratung

12. Fachforum Onlineberatung – Programm jetzt online

Am 16./17.09.2019 ist es wieder soweit: Zum 12. Mal veranstaltet das Institut für E-Beratung gemeinsam mit der Onlineberatung der Caritas, der BKE Onlineberatung, SEXTRA (pro familia) und der DGOB die größte Tagung zur Onlineberatung im deutschsprachigen Raum.

Unter der Überschrift „Soziale Innovation braucht Onlineberatung“ wird an zwei Tagen in Nürberg in Vorträgen und Workshops diskutiert und genetzwerkt. Weil ich jeden einzelnen Workshop richtig gut und empfehlenswert finde, hier die ganze Themenübersicht:

 Außerdem gibt es in diesem Jahr vor dem Start des Fachforums am Montagmorgen einen „Einsteiger-Workshop“ für Neulinge in der Onlineberatung, der von Petra Risau und Stefan Kühne angeboten wird.

Alle Infos zum Programm, den Referent*innen und das Anmeldeformular findet man unter www.fachforum-onlineberatung.de

Also: Anmelden und dabeisein!! 🙂

Meine eigene Onlineberatungs-Geschichte

Der erste Monat des Jahres 2019 ist fast schon wieder rum und ich habe festgestellt, dass ich dieses Jahr mit der Onlineberatung „volljährig“ werde. Vor genau 18 Jahren habe ich angefangen selbst online zu beraten. Die Zeit (im Netz) vergeht wie im Flug…

Ich erzähle meine eigene Onlineberatungs-Geschichte immer wieder mal in Seminaren oder bei Vorträgen, weil man meistens ja doch gefragt wird, wie lange man das selbst schon macht, über das man spricht. Ich erinnere mich ziemlich genau an meinen ersten Kontakt zur Onlineberatung, weil dieser eng verknüpft ist mit einem weltverändernden Ereignis: Dem 11. September 2001.

Ich saß zu dem Zeitpunkt in Kiel und grübelte über ein Thema für meine Magisterarbeit*. Mein Studienschwerpunktthema war Medienpädagogik und vor 18 Jahren gab es zwar auch schon das Internet, aber Vieles in der Medienpädagogik drehe sich auch noch um das Fernsehen. Es geschah also der 11. September 2001, der zu einem TV-Ereignis wurde, das dem der Mondlandung oder dem Attentat auf John F. Kennedy ziemlich nah kam. Jeder Sender berichtete – in ganz unterschiedlicher Ausprägung und Qualität. Rund um die Uhr konnte man live mitverfolgen, wie erst der eine und dann der andere Turm des World Trade Center, scheinbar wie ein Spielzeugmodell, in sich zusammenstürzten. Man war dabei, als das Pentagon angegriffen wurde und ein weiteres von Terroristen entführtes Flugzeug abstürzte. Es gab zu der Zeit noch kein Facebook oder twitter über das sich die Informationen hätten verbreiten können, wie es heute der Fall war.

Was hat das nun mit meiner Onlineberatung-Geschichte zu tun? Nun, es gab das Internet und es gab AltaVista und in eben jene Suchmaschine gab ich damals die folgenden Suchbegriffe ein: Kinder, Diskussion, 11. September 2001

Und es öffnete sich eine virtuelle Welt, die ich bis dato noch nicht kannte: Eine Onlineberatungsseite für Kinder und Jugendliche namens kids-hotline. Ich verlinke hier auf die Seite des Grimme-Online-Award, den wir mit der kids-hotline 2008 gewonnen haben, da es die kids-hotline inzwischen nicht mehr gibt (sie wurde 2014 mangels Finanzierungsmöglichkeiten vom Trägerverein Kinderschutz e. V. nach 15 Jahren „Betrieb“ geschlossen).

Die Suchmaschine hatte mich auf ein Beratungsforum gelenkt, in dem Jugendliche Beiträge eröffnet hatten, die sich mit den Ereignissen des 11. September 2001 beschäftigten. Ich war fasziniert von dieser Möglichkeit des Austausch unter Gleichaltrigen, begleitet durch professionelle (sozial)pädagogische Fachkräfte. Das Team bestand komplett aus Ehrenamtlichen und das Projekt selbst wurde so auch damals von den Gründern der Seite ehrenamtlich betrieben.

Zeitsprung ins Jahr 2006: Ich bin – nach einer kleinen Pause – weiter als ehrenamtliche Beraterin bei der kids-hotline tätig, die inzwischen so groß geworden ist, dass sie sich nicht mehr als kleines Projekt nebenbei betreiben ließ. Der Kinderschutz e. V. in München hatte vor ein paar Jahren die Trägerschaft übernommen und nun wurde eine hauptamtliche Leitung für die Beratungsstelle gesucht. Für mich ging es vom Norden in den Süden, nach München.

2008: Wir gewinnen den Grimme Online Award! In der Begründung der Jury heißt es:

„Erstmalig wird der Grimme Online Award an ein reines Beratungsangebot vergeben. Damit wird gezeigt, dass sich das publizistische Feld erweitert: Themen und Fragen werden von den Nutzern in hohem Maße selbst gesteuert. Gerade aufgrund dieser Nutzerorientierung entwickelt die Beratungsstelle „kids-hotline“ eine eigenständige und vorbildliche Funktion.“

Was für ein Wahnsinn! Im gleichen Jahr veranstalten wir zum ersten Mal mit der Fakultät Sozialwissenschaften der TH Nürnberg (damals noch Georg Simon Ohm Fachhochschule Nürnberg) das Fachforum Onlineberatung.

Nach viereinhalb Jahren als Leitung bei der kids-hotline zieht es mich zunächst für zwei in die „klassische Soziale Arbeit“ – eine wichtige Erfahrung und ganz ohne Onlineberatung!
Nebenbei war ich schon seit 2008 an der TH Nürnberg  in der Lehre tätig, da ich mit einer Kollegin das Konzept für eine studienbegleitende Weiterbildung zum*zur Onlineberater*in für Studierende der Sozialen Arbeit geschrieben und umgesetzt hatte. Und als inzwischen ausgebildete Supervisorin begann ich mein Wissen aus der Onlineberatung auf die Supervision zu übertragen und habe Online-Supervision angeboten.

2012: Gründung des Instituts für E-Beratung an der TH Nürnberg – ich darf als Geschäftsführerin das Institut strategisch aufbauen. Wir starten mit Weiterbildungskursen für externe Fachkräfte, Forschung rund um die Themen „Qualität“ oder „Unterstützung pflegender Angehöriger“ und helfen Einrichtungen ihr eigenes Onlineberatungsangebot zu realisieren.

Letztes Jahr dann noch ein echtes Highlight: Mein Lehrbuch Onlineberatung erscheint. Etwas, von dem ich insgeheim schon länger geträumt hatte, nämlich es einfach mal alles aufzuschreiben, war „einfach so“ passiert.

Jetzt also volljährig und ich überlege, wie ich das Ganze gebührend feiere… Beschenkt wurde ich eigentlich schon all die Jahre und insofern bin ich vor allem dankbar. Dieser zufällige Moment – entstanden aus einer der größten Katastrophen, die die Menschheit sich vorstellen konnte – hat mein berufliches (aber auch mein privates) Leben entscheidend geprägt und unglaublich spannend gemacht. So darf es weitergehen…

*Achso, die Magisterarbeit ging dann doch um’s Fernseh-Thema – das Wort Onlineberatung kommt darin kein einziges Mal vor 😉

Ausblick auf 2019

Das Jahr hat nur noch wenige Wochen und gefühlt begeben sich alle schon ein wenig in Winterschlaf. Ich sitze gerade im Zug nach Hannover zum „Netzwerk-Forschung“ der DGSv, das in Form eines barCamp stattfinden wird, um dort mit den anderen Teilnehmer*innen über die Nutzung digitaler Medien in der Supervision zu diskutieren. Aber danach ist auch für mich Schluss für dieses Jahr und Urlaub steht an 🙂

Bevor ich auf 2019 blicke, ein kurzer Rückblick auf das Jahr 2018. Es ist viel passiert in Sachen Digitalisierung & Mediatisierung der Beratung (Supervision und Coaching mit gedacht!). Zwei persönliche Highlights waren für mich dieses Jahr das 11. Fachforum Onlineberatung, das wir mit über 200 Teilnehmer*innen im September in Nürnberg veranstaltet haben. Und natürlich die Veröffentlichung meines Lehrbuchs Onlineberatung bei Vandenhoeck & Ruprecht im Herbst diesen Jahres.

Insgesamt nehme ich wahr, dass dieses Jahr an vielen Ecken und Enden sehr intensiv über das Thema „Digitalisierung“ diskutiert wurde. In zahlreichen Tagungen tauchte das Thema im Titel auf und in Arbeitskreisen etc. wurde das Thema aufgegriffen. Unklar ist für mich noch die Ausrichtung: Wird konstruktiv, zukunftsgerichtet und mit Offenheit gegenüber neuen Technologien diskutiert oder eher auf Defizite und mögliche Gefahren hingewiesen? Ersteres würde ich mir wünschen und das ist dann auch der Ausblick für 2019 – oder der Wunsch für das neue Jahr: Mehr mutige Ideen und das Umsetzen dieser!

Der Kalender für 2019 ist schon ganz schön voll, aber auf ein paar Veranstaltungen freue ich mich schon jetzt ganz besonders:

Wir werden zum 11. Mal unsere Weiterbildung zum*r zertifizierten Onlineberater*in anbieten. Im März startet ein Kurs und ein nächster dann im Oktober. Alle Infos dazu gibt es hier

Im April findet die Frühjahrstagung der DGSF zum Thema „Systemische Praxis und Lehre im digitalen Wandel!? – Aufgaben, Perspektiven und Chancen“ statt. Hierbei wird nun auch endlich die Frage der Qualifizierung von (systemischen) Berater*innen thematisiert.

Gespannt bin ich auch auf die zweitägige Veranstaltung in Kiel, die ich im Juni beim Paritätischen Schleswig-Holstein leiten darf und bei der sich dezidiert Führungskräfte zur Digitalisierung der Beratung in Form eines Workshops informieren (und entscheiden!) können.

Und dann steht natürlich im September (16./17.09.2019) wieder das Fachforum Onlineberatung an – das Programm hierzu sollte im Mai auf der Webseite des Instituts für E-Beratung online stehen.

Ich wünsche allen Leser*innen hier eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start in das Jahr 2019!

 

Nachlese vom 11. Fachforum Onlineberatung

Gestern endete das 11. Fachforum Onlineberatung und in diesem Jahr blicken wir auf die bislang größte Tagung zur Onlineberatung in Nürnberg zurück. Mehr als 200 Teilnehmer*innen als ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark haben an zwei Tagen in Vorträgen und Workshops rund um das Thema „Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung“ Neues erfahren, diskutiert und Impulse gesetzt.

Der Eröffnungsvortrag von Prof.’in Nadia Kutscher von der Universität zu Köln führte in „Befunde und Entwicklungen“ zur Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung ein. Wissenschaftlich fundiert, anschaulich und nachdrücklich lieferte Nadia Kutscher einen Überblick über wichtige Entwicklungen, Auswirkungen von Big Data und wies auf wichtige datenschutzrechtliche aber auch ethische Fragestellungen für Onlineberater*innen aber auch in der Sozialen Arbeit Tätige ganz allgemein hin. Wie gehen wir künftig zum Beispiel mit der Möglichkeit um, dass wir über unsere Klient*innen weitaus mehr Informationen erhalten können, indem wir eine Netzrecherche durchführen? Und was bedeutet es für Berater*innen und ihre Klient*innen, wenn über ungeschützte digitale Kommunikationswege vertrauliche Inhalte ausgetauscht werden? In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal auf den wirklich sehenswerten Beitrag der Sendung Quarks und Co. zum Thema „Die Macht der Daten“ hingewiesen, den auch Nadia Kutscher in ihrem Vortrag nachdrücklich empfohlen hat.

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Foto einer Folie aus dem Vortrag von Nadia Kutscher zum Thema Big Data und seine Folgen.

Sehr eindrücklich appellierte Nadia Kutscher außerdem dafür, dass sich Onlineberater*innen als Pionier*innen der und Expert*innen für Digitalisierung in den aktuellen Diskurs einbringen sollen!

Im Anschluss wurde in sechs unterschiedlichen Workshops zu Themen wie DSGVO, Traumatherapeutische Interventionen und Cross-medialer Beratung diskutiert und informiert. Die Dokumentation der gesamten Tagung und damit auch der Workshops, werden wir in den nächsten Wochen auf www.fachforum-onlineberatung.de zum Download zur Verfügung stellen, soweit uns die Referent*innen ihre Unterlagen zur Verfügung stellen.

Ich habe einen Workshop zum Thema ‚gute‘ E-Mailberatung angeboten, in dem sich erfahrene Onlineberater*innen und Neulinge mit verschiedenen Methoden und Technik vertraut gemacht haben. Deutlich wurde: Einen Text mit unterschiedlichen Lesarten zu bearbeiten, wie es Alex Brunner in seinem Artikel zum „Digitalen Lesen und Schreiben“ in der Onlineberatung beschreibt, eröffnet Berater*innen neue Zugänge zur Mailberatung.

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Foto einer Pinnwand mit Kartensammlung der Teilnehmer*innen zur Frage welche Methoden der Mailberatung sie bereits kennen und anwenden.

In den Pausen gab es genügend (?) Zeit zum Austauschen und Netzwerken. Neben Ausstellungen von Onlineberatungsanbieter*innen, Softwareanbietern und einem Büchertisch, der aktuelle Literatur zur Onlineberatung bereit hielt, gab es einen ThinkTank, in dem die Teilnehmer*innen interaktiv ihre Erfahrungen mit Onlineberatungssoftware (mit)teilen konnten. Die Ergebnisse werden wir ebenfalls in Kürze online stellen.

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Foto von zwei Tafeln mit Fragen zum Ist-Zustand der Softwarenutzung und Sammlung von künftigen Wünschen an die Onlineberatungssoftware.

Den Abschlussvortrag hielt Jona Höldere aus Berlin, der sich mit der Frage beschäftigte, wie wir neue Zielgruppen in der Onlineberatung erreichen können. Hölderle machte darauf aufmerksam, dass die Onlineberatung oftmals nur von Menschen genutzt wird, die ohnehin in der Lage sind, sich nach Hilfsmöglichkeiten im Netz umzusehen und dann gezielt nach diesen nutzen (s. auch Joachim Wenzel 2013). Ein viel größerer Teil, der aber eigentlich dringend die Hilfe benötigen würde, findet die Angebote gar nicht erst, da die Suchkriterien der Nutzer*innen ganz andere sind, als die gebotenen Andockpunkte der Onlineberatungsanbieter.

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Foto einer Folie aus dem Vortrag von Jona Hölderle zum Thema Conversion-Trichter.

Deutlich wurde, dass die Soziale Arbeit/Beratung sich intensiver mit der Frage beschäftigen muss, wie bedürftige Zielgruppen besser erreicht werden können. Ein paar Anhaltspunkte lieferte Hölderle in seinem Vortrag – gleichwohl wird vor allem die Ressourcenfrage für Einrichtungen der Sozialen Arbeit hierbei eine wesentliche Rolle spielen.

Drumherum: Während des Fachforums wurde auch ein bisschen getwittert – unter dem Hashtag #ffob18 🙂

Das nächste Fachforum Onlineberatung findet am 16./17. September 2019 in Nürnberg statt.

Ich habe ein Buch geschrieben…

…und das erscheint in der kommenden Woche, am 10. September 2018.

Worum gehts? Das dürfte vermutlich wenig überraschen, denn es ist natürlich das Thema „Onlineberatung“. Es handelt sich um ein Lehrbuch, dass neben den theoretischen Hintergründen, die man als Onlineberater*in kennen sollte, vor allem eine sehr praxisnahe Einführung in die Onlineberatung ermöglicht.

Ein Buch zu schreiben, war eine ganz besondere Erfahrung und hat mir einerseits viel Spaß gemacht, mich andererseits in den letzten Monaten zeitlich aber auch enorm gefordert. Ich bin dankbar für die vielen Unterstützer*innen, die dazu beigetragen haben, dass das Ganze in einem überschaubaren Rahmen fertiggestellt werden konnte und hatte eine wirklich gute Unterstützung durch meine Verlags-Lektorin.

Ich hoffe, mit dem Buch auch einen Beitrag zur Digitalisierung der Sozialen Arbeit zu leisten und freue mich, dass mein Verlag, Vandenhoeck & Ruprecht, Onlineberatung als ein wichtiges Kernthema für die Soziale Arbeit und die Zukunft der Beratung ansieht.

Wo liegen Chancen und Grenzen von Onlineberatung? Wie gelingt eine professionelle Beziehungsgestaltung zwischen Fachkraft und Klient*in der digitalen Beratung? Was sind die Besonderheiten von Online-Kommunikation?

Der Einsatz digitaler Medien und Kommunikation spielt im Bereich der psychosozialen Beratung eine immer wichtigere Rolle. Dieses Lehrbuch vermittelt (angehenden) Fachkräften im Kontext von Beratung, Coaching und Supervision praktisches Handlungswissen zur Onlineberatung. Neben theoretischen Grundlagen veranschaulicht Emily Engelhardt anhand von praktischen Beispielen und Übungen, wie Onlineberatung konkret umgesetzt wird. Die Leser*innen lernen die unterschiedlichen Tools der textbasierten Onlineberatung (Mail-, Chat- und Forenberatung) sowie neuere Entwicklungen wie Video- und Messengerberatung kennen und setzen sich mit den Besonderheiten der Onlinekommunikation auseinander. Neben den Einsatzmöglichkeiten und -feldern von Onlineberatung werden rechtliche, technische und organisatorische Aspekte beleuchtet.

(Klappentext, Lehrbuch Onlineberatung, 2018)

Das „Lehrbuch Onlineberatung“ erscheint am 10. September 2018 bei Vandenhoeck & Ruprecht und kann direkt bei Verlag, den üblichen Online-Buchhändlern und natürlich in der Buchhandlung des Vertrauens erworben werden.

Digitale Transformation – Auswirkungen auf die Beratung und Supervision?

Onlineberatung ist ja keine ganz so neue Sache mehr. 1995 begann die Telefonseelsorge damals als erste Anbieter für psychosoziale Beratung, sein Angebot auch ins Internet auszuweiten. Es erscheint logisch, dass ausgerechnet die Telefonseelsorge hier Vorreiter in der Beratungslandschaft war – sind sie es doch schon lange gewohnt gewesen, mit Ratsuchenden über räumliche Distanz hinweg in Kontakt zu kommen.

Inzwischen ist es aber immer wichtige geworden, den Blick zu weiten: Wenn wir in der Sozialen Arbeit von digitaler Transformation sprechen (diese Bezeichnung finde ich treffender als „nur“ Digitalisierung zu verwenden), geht es aber inzwischen um viel mehr, als Beratung online anzubieten. So beschäftigen sich viele Organisationen derzeit mit dem Wandel, der in den nächsten Jahren auf sie zukommen wird. Die Flexibilisierung von Arbeitsmodellen und Führung (’new work‘) gehört genauso hierzu, wie die Transformation von Arbeitsfeldern und Aufgaben in der Sozialen Arbeit.

Doch noch einmal zurück zur Beratung: Auch die Onlineberatung befindet sich in einem Wandel und das 11. Fachforum Onlineberatung wird sich daher genau mit dieser Frage beschäftigen: Was bedeutet der digitale Wandel für die Onlineberatung? Nach den ersten Jahren, in denen Onlineberatung vor allem als ein Zusatzangebot zur „normalen“ Beratung verstanden wurde, findet heute häufiger eine Integration der Onlineberatung in die face-to-face-Beratung statt. Es geht eher um einen Medienmix in Form von ‚Blended Couneling‘ als darum, zwei Beratungsformate (oder Settings?) gegenüber zu stellen.

„Die grundlegende Frage lautet: Wie können wir durch den digitalen Wandel hindurch dem professionellen Anspruch der Berater/innen gerecht werden und zugleich die eigenen Beratungsangebote auf dem Markt behaupten?“ (Fietze, B. & Möller, H., 2018, o. S.)

Und damit sprechen die beiden Autorinnen einen ganz wesentlichen Punkt an: Professionalisierung der Beratung in einem digitalen Zeitalter! Auffällig finde ich nach wie vor, dass der Fokus der Diskussionen weniger auf der Entwicklung von Möglichkeiten (und Professionalität!) liegt, sondern vielmehr in der Betonung von Defiziten, die digitale Beratungssettings mit sich bringen. Es erfolgt nach wie vor die Gegenüberstellung von face-to-face und Onlineberatung (bzw. Online-Coaching oder Online-Supervision). So beschreibt es auch Martens-Schmid (2018) in ihrem Beitrag zum Thema „Hier ist dort – Coaching auf dem Weg in virtuelle Beratungswelten“, in dem sie die Bedeutung der Ko-Präsenz von Klient*in und Coach beschreibt:

„Der Klient übernimmt die Regie für die Entwicklung seines Selbst. Der Coach gerät in Gefahr, in seiner auf den Klienten abgestimmten Arbeit daran zum bloßen Dienstleister zu werden. Das klingt zwar nach eigentlich doch schätzenswerter Eigenverantwortung des Klienten. Die unmittelbare Begegnung zwischen Coach und Klient als „ganzer Personen“ in einer professionellen Beziehung auf Zeit, die Auseinandersetzung mit einem physisch und psychisch präsenten Gegenüber, die nach heutigem Verständnis den Kern professionellen Coachings ausmacht, – sie gerät darin aus dem Blick.“ (Martens-Schmid, 2018, o. S.)

Diese Sichtweise, die vor allem darauf basiert, das bisherige Coachingverständnis einem möglicherweise neuem und anderen Verständnis gegenüber zu stellen ist meines Erachtens weniger zielführend als die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Beratung in einer Gesellschaft, die sich immer stärker durch einen digitalen Wandel charakterisiert, zeitgemäß und fachlich professionell gestaltet werden kann. Und dazu ist es aus meiner Sicht hilfreich, sich von einem „entweder – oder“ zu lösen und ein „sowohl als auch“ in den Blick zu nehmen (so hat es übrigens auch schon Sauter 2001 beschrieben).

Für Berater*innen, Coaches und Supervirsor*innen geht es daher in Zukunft darum den digitalen Wandel nicht als Gefahr zu verstehen, die traditionelle Beratungsformate gefährdet, sondern die Möglichkeiten und Chancen zu entdecken, die darin ebenso stecken. Wenn dies gelingt, kann auch die Profession einen Wandel erleben, in dem Altes bewahrt werden kann und Neues eine Erweiterung des Bisherigen darstellt.

Und so stellt Martens-Schmid zum Abschluss ihres Artikels auch treffend fest:

„Entscheidend scheint mir zu sein, ob es uns gelingt, zu begreifen, dass Digitalität und Virtualität existierender Teil unserer realen Welt sind. Wir sind darin nicht völlig autonom und nicht völlig ausgeliefert. Vielmehr können wir uns als Einzelne und als Gesellschaft im Diskurs offline und online den Fragen der Steuerung und der Steuerbarkeit der digitalen Entwicklung stellen.“ (Martens-Schmid, 2018, o. S.)

Im Artikel verwendete Quellen:

Martens-Schmid, K (2018). Hier ist dort – Coaching auf dem Weg in virtuelle Beratungswelten. Organisationsberatung, Supervision, Coaching. Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/s11613-018-0562-4
Fietze, B. & Möller, H. (2018). Digitalierung in der Beratung.  Organisationsberatung, Supervision, Coaching. Wiesbaden: Springer Fachmedien. . https://doi.org/10.1007/s11613-018-0556-2

Podcasts für die Beratung?

Gestern las ich bei der Vorbereitung eines Workshops einen Beitrag der Bitkom, in dem beschrieben wurde, dass 22% der Deutschen regelmäßig Podcasts hören.

Da mich schon länger die Frage beschäftigt, wie sich Podcast auch in der psychosozialen Beratung einsetzen lassen, habe ich mal in die Twitterrunde gefragt, wer da etwas kennt. Das Ergebnis war überraschend für mich, denn es entspann sich eine kleine aber feine Diskussion, ob Podcasts in der Beratung überhaupt gehen und wenn ja, ob es dann überhaupt noch Podcasts sind.

Aber zurück zum Anfang: Podcasts, wer es noch nicht weiß, sind Audio- oder Videodateien, die man sich aus dem Netz herunterladen und anhören kann. Es geht also zunächst einmal um das Zuhören und dann ggf. reagieren in Form von Kommentaren auf einem dazugehörigen Blog o. ä.

Wenn jeder Fünfte Deutsche gerne Podcasts hört, ist für mich die Frage naheliegend, ob dies auch ein Format ist, mit dem Beratung angeboten werden kann. Denn scheinbar gibt es Leute, die sich lieber etwas anhören, als es z. B. zu lesen (wie es bei der Mailberatung der Fall wäre).

Und hier entwickelte sich die Diskussion gestern auf Twitter ganz interessant weiter: Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Podcast ja an eine größere Zuhörerschaft wenden und für die Beratung deswegen auch weniger geeignet wären, da sie sich nicht mit den individuellen Fragstellungen einer ratsuchenden Person beschäftigen würden. Dem stimme ich zu, frage aber gleichzeitig nach, inwiefern denn nicht auch Podcasts individualisiert angeboten werden können. Und hierbei lernte ich: Dann sind es eigentlich keine Podcasts, sondern wir müssten das Ganze Audioberatung nennen.

Die Frage, ob auch für eine größere Zuhörerschaft ein Beratungspodcast angeboten werden kann ist insofern interessant, als das Onlineberatungsforum ja ähnlich funktioniert: Eine ratsuchende Person erstellt eine Anfrage und viele weitere lesen (und schreiben) mit. Die Anzahl der „lurker“, also derer, die „nur“ mitlesen und nie selbst schreibend in Erscheinung treten ist in Beratungs-Foren enorm groß im Vergleich zu denen, die aktiv schreiben. Die Hypothese die hierzu häufig angeboten wird: Durch das Mitlesen holen sich die anderen Personen bereits einen Teil ihrer Beratung mit ab. Ähnlich könnte man jetzt zum Thema Podcast/Audionachrichten in der Beratung davon ausgehen, dass das Zuhören bereits einige Fragen klärt und vielleicht im Anschluss dazu einlädt, sich mit individuellen Fragestellungen an den*die Berater*in zu wenden.

Wie auch immer man das Ganze am Ende nennen möchte, ob Audioberatung oder Onlineberatung per Audio oder Beratungspodcast, ich bin nach wie vor auf der Suche nach jemanden, der*die sowas macht: Klient*innen per Audionachrichten Beratung anzubieten.

Und eigentlich steckt für mich hinter diesem ganzen Thema noch etwas viel Grundsätzlicheres: Nämlich die Frage, inwieweit Berater*innen bereit sind, sich mit den Möglichkeiten der neuen Medien auseinander zu setzen und Angebote zu entwickeln, die das Spektrum der erreichten Zielgruppen erweitern könnte. Ich höre, wenn ich diese Frage stelle allzu oft „Was sollen wir denn noch alles machen!?“ – und so sehr ich diese Rückmeldung (auch aus eigener Erfahrung) verstehen kann, so wenig kann ich sie doch gelten lassen. Denn wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit (potentiellen) Klient*innen zu tun bekommen, die medial anders sozialisiert wurden, als die, die wir vor 20 Jahren beraten haben. Insofern geht es vielleicht manchmal auch um die Frage „Was brauche ich künftig nicht mehr tun!?“ – und damit meine ich nicht, dass die face-to-face Beratung obsolet werden wird.

Was ich mir konkret vorstellen und wünsche: Berater*innen, die das eine oder andere digitale Medium nutzen, um sich und ihr Angebot zu präsentieren (z. B. ein Vorstellungsvideo auf YouTube, welches die Beratungsstelle und ihr Angebot erklärt, oder kurze Videos, die bestimmte Themen aufgreifen und darstellen, wie hier https://www.erziehungsberatung-passau.de/links/beispiel-videos/beispiel-videos ), die aber auch die digitalen Medien im Beratungsprozess einsetzen, wo sie gut passen. Sei es, indem gemeinsam im Netz zu einem Thema recherchiert wird, indem über ein Onlineberatungstool per Mail, Chat oder Video kommuniziert wird oder eben indem auch Audiosequenzen zur Verfügung gestellt werden, die den*die Ratsuchenden im Alltag begleiten können.

Und wer solange selbst ein paar Podcast (rund um das Thema Digitalisierung der Beratung) hören möchte, hier ein paar der Empfehlungen, die ich gestern dazu selbst auf Twitter bekam:

https://www.sozial-pr.net/

https://ideequadrat.org/

https://irgendwas-mit-menschen.com/

https://www.sozifon.de/

auch spannend, eine Plattform zum Thema crowdmoving https://helpteers.net/info/

und hier noch eine Übersichtsliste weiterer Podcasts: https://www.digital-sozial.net/themen/item/12-podcast-soziales

Die DSGVO aus Sicht der (Online-)Beratung

Nun ist sie also da – die lange angekündigte und dann doch ganz plötzlich aus dem Nix aufgetauchte DSGVO! Ein bisschen so wie Weihnachten: Alles wissen, das es bald soweit ist und dann läuft man doch ganz erstaunt und gestresst einen Tag vor Heilig Abend los um Geschenke zu kaufen. So ähnlich äußerte sich Peter Schaar, der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte, zum Thema DSGVO. Seine intelligente und unaufgeregte Analyse des neuen Datenschutzgesetzes ist sehr lesenswert.

Viele Onlineberater*innen fragen sich nun, was die DSGVO eigentlich für die Onlineberatung bringt. In der Regel wird dort zwar sehr wenig mit personenbezogenen Daten gearbeitet, da die Ratsuchenden zumeist anonym bleiben wollen, jedoch gehören auch Dinge wie Standortdaten oder IP-Adresse zu Daten, die sich einer bestimmten Person zuordnen lassen. Es ist Aufgabe der Leitung einer (Online)Beratungsstelle dafür Sorge zu tragen, dass der Datenschutz auch künftig nach den Regeln der DSGVO umgesetzt wird, also auch die entsprechenden Voraussetzungen hierfür geschaffen werden (technische Aspekte, ggf. Datenschutzbeauftragte*r usw.)

Heute morgen habe ich mal bei ein paar großen Onlineberatungsstellen gegoogelt, wie sie ihre neuen Datenschutzerklärungen formuliert haben und es war ganz interessant…einige Seiten waren „under construction“ beim Menüpunkt „Datenschutzerklärung“, andere hatten noch die alte Version online und bei einigen gab es bereits eine DSGVO-konforme Variante. Es ist davon auszugehen, dass alle in den nächsten Tagen und Wochen ihre Erklärungen entsprechend angepasst haben.

Was mich in dem Zusammenhang aber viel mehr beschäftigt ist die Frage, ob der ganze DSGVO-Hype nun zu einer Sensibilisierung der Berater*innen (und ihrer Leitungen!) geführt hat und damit auch ein Ende der (leider immer noch stattfindenden) Mailberatungen über Outlook-Clients und Messengerberatungen per WhatsApp (zumal man da ja nur noch ab dem Alter 16 mitmachen darf 😉 )zu erwarten ist? DAS wäre eine echte Innovation!

 

11. Fachforum Onlineberatung am 17./18.09.2018 in Nürnberg

Es ist wieder so weit! Am 17./18. September 2018 laden wir wieder zum Fachforum Onlineberatung nach Nürnberg ein. Dieses Jahr steht das Fachforum unter dem Motto „Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung“. Den Eröffnungsvortrag zu diesem Thema hält Prof. Nadia Kutscher von der Universität Köln, die sich seit vielen Jahren u. a. mit dem Themenkomplex Digitalisierung der Sozialen Arbeit beschäftigt.

An zwei Tagen werden wir in der bewährten Mischung aus Vorträgen, Diskussionen und Workshops darüber diskutieren, welche Auswirkungen sich aus der Digitalisierung für die Onlineberatung ergeben.

Hier der Ankündigungstext für das 11. Fachforum Onlineberatung:

Wie verändert sich unsere Lebenswelt durch die immer stärker fortschreitende Digitalisierung? Und welche Auswirkungen ergeben sich hieraus für die psychosoziale Beratungslandschaft und insbesondere auch für die Onlineberatung? Das 11. Fachforum Onlineberatung lädt dazu ein, sich mich diesen und weiteren Fragestellungen zu beschäftigen.
Der lebensweltliche Alltag von Fachkräften und Klient*innen Sozialer Arbeit und angrenzender Disziplinen wird immer häufiger durch (digitale) Medien durchdrungen und beeinflusst. Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich sowohl in den Beratungsanlässen von Klient*innen, als auch in der medialen Realisierung von Beratungsprozessen (Onlineberatung/Blended Counseling).
Die aktuelle Debatte greift nun auch die sich aus der Digitalisierung ergebenden neuen Möglichkeiten des professionellen Handelns von Fachkräften Sozialer Arbeit auf. So gilt es für Träger und Einrichtungen bei ihrer strategischen Planung und Konzeptentwicklung diese Chancen in den Mittelpunkt zu rücken und zu prüfen, welchen Platz die Onlineberatung künftig einnehmen wird.
Der „digital turn“ in der Beratung wird weiter Fahrt aufnehmen – es gilt, ihn sinnvoll zu gestalten! Das diesjährige Fachforum möchte hierzu Austausch, Denkanstöße und Vernetzungsmöglichkeiten bieten.

Das Institut für E-Beratung der TH Nürnberg veranstaltet jährlich im September zusammen mit der Deutschsprachigen Gesellschaft für psychosoziale Onlineberatung (DGOB), der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), der Online-Beratung des Deutschen Caritasverbandes (caritas.de/onlineberatung) sowie des pro familia SEXTRA Onlineberatungs-Projektes (sextra) das Fachforum Onlineberatung.

Alle Infos zum Programm und zur Anmeldung unter: www.fachforum-onlineberatung.de

Über die ständige Erreichbarkeit der Onlineberater*innen

Heute früh habe ich mit 11 Onlineberater*innen über das Thema „Blended Counseling“ diskutiert und wir landeten an vielen spannenden Punkten, die mich jetzt noch beschäftigen. Ein Thema war die Frage, ob Onlineberater*innen denn nun ständig erreichbar sein müssten, da die Klient*innen ja schließlich dauernd online und mit dem Netz verbunden sind. Natürlich lautet die Antwort erstmal „nein“, denn selbst wenn wir das – aus welchen Gründen auch immer – wollen würden, wäre es nicht möglich. Die Strukturen und Arbeitsbedingungen von Berater*innen in psychosozialen Arbeitsfelder lassen dies gar nicht zu und nicht zuletzt geht es natürlich auch um das Thema Psychohygiene und einen gesunden Abstand von Klient*innen und Beratungsgeschehen.

Dennoch weist auch Sabine Depew richtigerweise darauf hin: „Wer ständig online ist, erwartet schnelle Antworten, Tipps und sofortige Hilfe. Darauf müssen wir reagieren, wenn wir nah bei den Menschen bleiben wollen“

Wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit einer Klientel zu tun bekommen, die mit dem Internet und seinen Kommunikationsmedien sozialisiert wurden und deren Kommunikationsverhalten stark durch Onlinemedien geprägt ist. Dies wird auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie diese Zielgruppe Beratungsangebote wahrnimmt und nutzt unvermeidbar machen. Widerstände, die Berater*innen wahrnehmen, wenn sie sich mit einer „Beratung4.0“ beschäftigen (müssen), sollen ernstgenommen werden und dennoch werden wir Beratung künftig auch neu denken müssen. Neue Konzeptionen, Haltungen, Methoden und Angebote werden sich entwickeln müssen, damit die Soziale Arbeit auch künftig noch ihrem Leitgedanken „Die Menschen da abholen, wo sie stehen“ gerecht werden kann.

Das bedeutet zwar nicht ständig online und ständig erreichbar zu sein – es wird aber bedeuten, sich den Auswirkungen der Digitalisierung nicht zu verschließen und aktiv an der Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit/Beratung mitzuwirken. Der Transformationsprozess ist bereits in vollem Gange…