Archiv der Kategorie: Konzepte

Podcasts für die Beratung?

Gestern las ich bei der Vorbereitung eines Workshops einen Beitrag der Bitkom, in dem beschrieben wurde, dass 22% der Deutschen regelmäßig Podcasts hören.

Da mich schon länger die Frage beschäftigt, wie sich Podcast auch in der psychosozialen Beratung einsetzen lassen, habe ich mal in die Twitterrunde gefragt, wer da etwas kennt. Das Ergebnis war überraschend für mich, denn es entspann sich eine kleine aber feine Diskussion, ob Podcasts in der Beratung überhaupt gehen und wenn ja, ob es dann überhaupt noch Podcasts sind.

Aber zurück zum Anfang: Podcasts, wer es noch nicht weiß, sind Audio- oder Videodateien, die man sich aus dem Netz herunterladen und anhören kann. Es geht also zunächst einmal um das Zuhören und dann ggf. reagieren in Form von Kommentaren auf einem dazugehörigen Blog o. ä.

Wenn jeder Fünfte Deutsche gerne Podcasts hört, ist für mich die Frage naheliegend, ob dies auch ein Format ist, mit dem Beratung angeboten werden kann. Denn scheinbar gibt es Leute, die sich lieber etwas anhören, als es z. B. zu lesen (wie es bei der Mailberatung der Fall wäre).

Und hier entwickelte sich die Diskussion gestern auf Twitter ganz interessant weiter: Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Podcast ja an eine größere Zuhörerschaft wenden und für die Beratung deswegen auch weniger geeignet wären, da sie sich nicht mit den individuellen Fragstellungen einer ratsuchenden Person beschäftigen würden. Dem stimme ich zu, frage aber gleichzeitig nach, inwiefern denn nicht auch Podcasts individualisiert angeboten werden können. Und hierbei lernte ich: Dann sind es eigentlich keine Podcasts, sondern wir müssten das Ganze Audioberatung nennen.

Die Frage, ob auch für eine größere Zuhörerschaft ein Beratungspodcast angeboten werden kann ist insofern interessant, als das Onlineberatungsforum ja ähnlich funktioniert: Eine ratsuchende Person erstellt eine Anfrage und viele weitere lesen (und schreiben) mit. Die Anzahl der „lurker“, also derer, die „nur“ mitlesen und nie selbst schreibend in Erscheinung treten ist in Beratungs-Foren enorm groß im Vergleich zu denen, die aktiv schreiben. Die Hypothese die hierzu häufig angeboten wird: Durch das Mitlesen holen sich die anderen Personen bereits einen Teil ihrer Beratung mit ab. Ähnlich könnte man jetzt zum Thema Podcast/Audionachrichten in der Beratung davon ausgehen, dass das Zuhören bereits einige Fragen klärt und vielleicht im Anschluss dazu einlädt, sich mit individuellen Fragestellungen an den*die Berater*in zu wenden.

Wie auch immer man das Ganze am Ende nennen möchte, ob Audioberatung oder Onlineberatung per Audio oder Beratungspodcast, ich bin nach wie vor auf der Suche nach jemanden, der*die sowas macht: Klient*innen per Audionachrichten Beratung anzubieten.

Und eigentlich steckt für mich hinter diesem ganzen Thema noch etwas viel Grundsätzlicheres: Nämlich die Frage, inwieweit Berater*innen bereit sind, sich mit den Möglichkeiten der neuen Medien auseinander zu setzen und Angebote zu entwickeln, die das Spektrum der erreichten Zielgruppen erweitern könnte. Ich höre, wenn ich diese Frage stelle allzu oft „Was sollen wir denn noch alles machen!?“ – und so sehr ich diese Rückmeldung (auch aus eigener Erfahrung) verstehen kann, so wenig kann ich sie doch gelten lassen. Denn wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit (potentiellen) Klient*innen zu tun bekommen, die medial anders sozialisiert wurden, als die, die wir vor 20 Jahren beraten haben. Insofern geht es vielleicht manchmal auch um die Frage „Was brauche ich künftig nicht mehr tun!?“ – und damit meine ich nicht, dass die face-to-face Beratung obsolet werden wird.

Was ich mir konkret vorstellen und wünsche: Berater*innen, die das eine oder andere digitale Medium nutzen, um sich und ihr Angebot zu präsentieren (z. B. ein Vorstellungsvideo auf YouTube, welches die Beratungsstelle und ihr Angebot erklärt, oder kurze Videos, die bestimmte Themen aufgreifen und darstellen, wie hier https://www.erziehungsberatung-passau.de/links/beispiel-videos/beispiel-videos ), die aber auch die digitalen Medien im Beratungsprozess einsetzen, wo sie gut passen. Sei es, indem gemeinsam im Netz zu einem Thema recherchiert wird, indem über ein Onlineberatungstool per Mail, Chat oder Video kommuniziert wird oder eben indem auch Audiosequenzen zur Verfügung gestellt werden, die den*die Ratsuchenden im Alltag begleiten können.

Und wer solange selbst ein paar Podcast (rund um das Thema Digitalisierung der Beratung) hören möchte, hier ein paar der Empfehlungen, die ich gestern dazu selbst auf Twitter bekam:

https://www.sozial-pr.net/

https://ideequadrat.org/

https://irgendwas-mit-menschen.com/

https://www.sozifon.de/

auch spannend, eine Plattform zum Thema crowdmoving https://helpteers.net/info/

und hier noch eine Übersichtsliste weiterer Podcasts: https://www.digital-sozial.net/themen/item/12-podcast-soziales

Über die ständige Erreichbarkeit der Onlineberater*innen

Heute früh habe ich mit 11 Onlineberater*innen über das Thema „Blended Counseling“ diskutiert und wir landeten an vielen spannenden Punkten, die mich jetzt noch beschäftigen. Ein Thema war die Frage, ob Onlineberater*innen denn nun ständig erreichbar sein müssten, da die Klient*innen ja schließlich dauernd online und mit dem Netz verbunden sind. Natürlich lautet die Antwort erstmal „nein“, denn selbst wenn wir das – aus welchen Gründen auch immer – wollen würden, wäre es nicht möglich. Die Strukturen und Arbeitsbedingungen von Berater*innen in psychosozialen Arbeitsfelder lassen dies gar nicht zu und nicht zuletzt geht es natürlich auch um das Thema Psychohygiene und einen gesunden Abstand von Klient*innen und Beratungsgeschehen.

Dennoch weist auch Sabine Depew richtigerweise darauf hin: „Wer ständig online ist, erwartet schnelle Antworten, Tipps und sofortige Hilfe. Darauf müssen wir reagieren, wenn wir nah bei den Menschen bleiben wollen“

Wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit einer Klientel zu tun bekommen, die mit dem Internet und seinen Kommunikationsmedien sozialisiert wurden und deren Kommunikationsverhalten stark durch Onlinemedien geprägt ist. Dies wird auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie diese Zielgruppe Beratungsangebote wahrnimmt und nutzt unvermeidbar machen. Widerstände, die Berater*innen wahrnehmen, wenn sie sich mit einer „Beratung4.0“ beschäftigen (müssen), sollen ernstgenommen werden und dennoch werden wir Beratung künftig auch neu denken müssen. Neue Konzeptionen, Haltungen, Methoden und Angebote werden sich entwickeln müssen, damit die Soziale Arbeit auch künftig noch ihrem Leitgedanken „Die Menschen da abholen, wo sie stehen“ gerecht werden kann.

Das bedeutet zwar nicht ständig online und ständig erreichbar zu sein – es wird aber bedeuten, sich den Auswirkungen der Digitalisierung nicht zu verschließen und aktiv an der Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit/Beratung mitzuwirken. Der Transformationsprozess ist bereits in vollem Gange…

Lohnt sich ein Onlineberatungsangebot für mich? 5 Tipps zur Selbstprüfung

Viele Berater*innen, Coaches oder Supervisor*innen bieten Ihre Dienstleistung auch „online“ an. Oft bedeutet dies zunächst einmal, dass der/die Anbieter*in eine eigene Website hat, auf der es eine Kontaktmöglichkeit per Mail gibt oder ein Kontaktformular, das dazu einlädt eine Nachricht zu senden. Das Netz zu nutzen, um für sich und sein Angebot zu werben gehört für beratend Tätige seit vielen Jahren zum täglichen Geschäft.

Im Gespräch mit Berater*innen, Coaches, Supervior*innen stelle ich häufig fest, dass sie auf meine Frage, ob sie denn auch ein Onlineberatungsangebot haben zunächst mit „Nein“ antworten. Wenn ich dann aber weiter frage, ob sie denn so gar keinen Kontakt per Mail mit ihren Kund*innen haben, stellt sich heraus, dass natürlich sehr wohl so einiges per Mail abgewickelt wird: Von Terminvereinbarungen über Angebotserstellungen bis hin zur Klärung von Erstanliegen ist alles dabei. Einige berichten dann auch noch davon, dass sie mit ihren Klient*innen online in Kontakt bleiben, wenn diese zum Beispiel auf Dienst- oder Auslandsreisen sind.

Steckt hinter diesem „Nein“ also mangelndes Bewusstsein für das, was man tut? Oder ist es eine Art Understatement, weil das ja „keine richtige Beratung/kein richtiges Coaching“ ist?

Ich möchte die vielen beratend Tätigen, die inzwischen auch online arbeiten, dies aber nicht offensiv so benennen bzw. bewerben, dazu ermutigen, ihr Angebot noch einmal bewusst zu prüfen und das Potential der Nutzung weiterer Kommunikationskanäle für ihre Arbeit zu nutzen.

Folgende fünf Fragen können dabei helfen zu prüfen, ob es sich lohnen würde, ein eigenes Onlineberatungsangebot zu starten:

1. Nehmen meine Kund*innen bislang vorwiegend „online“ Kontakt zu mir auf?
Wenn Sie bislang Anfragen für ein Beratungsgespräch/ein Coaching/eine Supervision meistens per Mail bekommen findet man Sie scheinbar gut im Netz. Ihre Web-Präsenz spricht ihre potentiellen Kund*innen an und lädt sie dazu ein, sich bei Ihnen schriftlich zu melden.

2. Bediene ich eine Zielgruppe die internetaffin ist?
Überlegen Sie mal, wen Sie beraten bzw. wer Ihre Kund*innen sind. Haben Sie es häufig mit Personen zu tun, die beruflich bedingt viel online kommunizieren? Gibt es Personen, die von sich sagen, dass sie gerne schreiben? Wird vor, nach oder gar während einer Sitzung das Smartphone gezückt? Prüfen Sie einmal, wie internetaffin Ihre Kundschaft ist.

3. Wie internetaffin bin ich?
Natürlich kommt es auch darauf an, ob Sie selbst gerne das Netz nutzen, um zu kommunizieren, sich zu informieren und Gedanken und Ideen zu teilen. Vielleicht lesen Sie regelmäßig bestimmte Blogs oder Foren. Kommentieren Sie dort auch und werden sichtbar? Eine gute Voraussetzung, um potentielle Kund*innen auf Sie aufmerksam zu machen oder interessante berufliche (Online-)Netzwerke zu gründen!

4. Wie könnte ich Beratungsprozesse neu strukturieren?
Hier kommt das Thema „Blended Counseling“ ins Spiel. Der Einsatz unterschiedlicher Medien – ob analog (mit Systembrett oder Flipchart in der Praxis) oder digital (per Onlineberatung) – ermöglicht Ihnen Beratungsprozesse neu zu gestalten. Hierbei geht es vor allem um die Frage: Was ist nützlich für meine Kundschaft und den Prozess? Durch den Wechsel medial unterstützter unterschiedlicher Beratungssettings kann nicht nur neuer „Schwung“ in den Beratungsprozess kommen, es ermöglicht Ihnen auch Ihre Zeit neu (und effektiver) zu organisieren und zu planen.

5. Bin ich bereit zu investieren?
Natürlich kostet das Ganze auch etwas. Zunächst einmal Zeit, um Konzepte zu entwickeln, sich fortzubilden und Marketing zu betreiben. Denn ganz von allein werden Sie dann doch nicht gefunden. Und Sie brauchen eine vernünftige Software, denn eine Beratung über gängige Mailprogramme oder Tools wie Skype bringt Sie rechtlich in Schwierigkeiten, wenn Sie zu den Berufsgruppen gehören, die sich an die Verschwiegenheitspflicht (§203 StGB) halten müssen.  Es macht aber auch deshalb Sinn in eine spezielle Onlineberatungssoftware zu investieren, weil sie in der Regel komfortabler zu bedienen ist.

Ein Onlineberatungsangebot lohnt sich also nicht in erster Linie, um damit viel Geld zu verdienen. Es kann Ihnen aber neue Zielgruppen erschließen, den vorhandenen Kund*innen eine willkommene Ergänzung/Alternative sein und Sie auf dem Markt interessant(er) machen, da Sie ein zusätzliches und nachgefragtes Angebot schaffen.

 

Artikel zur Online-Supervision aus systemischer Sicht in der Zeitschrift „systeme“

Ende vergangenen Jahres habe ich mich in einem Artikel in der Zeitschrift systeme – Interdisziplinäre Zeitschrift für systemtheoretisch orientierte Forschung und Praxis in den Humanwissenschaften herausgegeben von der Östereichischen Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie und Systemische Studien (ÖAS) und der Systemischen Gesellschaft (SG) mit der Frage beschäftigt, wieso ein systemischer Beratungsansatz für die Online-Supervision besonders geeignet sein könnte.

Vom Verlag wurde mir der Artikel nun freundlicherweise zur Veröffentlichung auf meinem Blog zur Verfügung gestellt und kann hier abgerufen werden:

Update im System: Online-Supervision. In: (systeme 28 (2): 129-146)

Pläne für 2015

Wenn man einen Beitrag mit so einer Überschrift beginnt und ihn dann auch noch öffentlich ins Netz stellt ist das ja so eine Sache. Ich habe aber gelernt: Man kann Pläne machen, über sie sprechen…und sie ggf. auch verwerfen. Also keine Gefahr in Verzug!

Ein paar Dinge stehen aber auch einfach schon fest und drum kann man diese verkünden:

  • Im März erscheint die nächste Ausgabe der „Psychotherapie im Dialog“ im Thieme Verlag zum Thema „Supervision“ für die ich letztes Jahr angefragt wurde einen Artikel zur Online-Supervision beizusteuern.
  • Dass das Thema „Online-Supervision“ im vergangenen Jahr zumindest publikationstechnisch bei mir einen ziemlich großen Stellenwert eingenommen hat, ist denke ich nicht zu übersehen gewesen. Neben dem dazu aktuell am Institut für E-Beratung der Technischen Hochschule Nürnberg laufenden Forschungsprojekt für das wir eine Förderung durch die DGSF erhalten haben, will ich mich vor allem mit ein paar stärker konzeptionell ausgerichteten Fragestellungen beschäftigen. Dazu gehört auch sämtliche Online-Supervisionen bzw. „Formate“, die ich in den letzten zwei Jahren ausprobiert habe, noch einmal genau unter die Lupe zu nehmen und zu prüfen, was sich bewährt hat und weiterentwickelt gehört und was eher nicht.
  • Anknüpfend hieran gründe ich gerade mit Kolleg_innen eine „Online-Intervisionsgruppe“, um auch etwas für die eigene Qualitätssicherung zu tun, das über die üblichen Kontroll-Supervisionen im face-to-face-Kontakt hinaus geht. Es macht ja durchaus Sinn, dies auch in dem Setting zu absolvieren, das man sich anschauen will.
  • In der Schublade liegen schon länger ein paar kleinere Online-Supervisions-Konzepte oder besser gesagt „Produkte“, die ich in der zweiten Jahreshälfte mal aus der selbigen herausholen möchte. Hierbei handelt es sich um eher „coachingbezogene“ Formate, die zum Beispiel Berufseinsteiger_innen in den ersten Monaten unterstützen oder sich speziell an Personen richten, die gerade in einer Führungsposition wechseln bzw. gewechselt haben.
  • Ein paar Schulungen/Workshops/Fortbildungsveranstaltungen stehen auch schon fest – mit detaillierteren Infos auf meiner Supervisions-Homepage zu finden. Hervorheben (da zeitlich etwas umfangreicher) möchte ich hier nur diese zwei Veranstaltungen:
    Online KlientInnen erreichen – Einführung in die Onlineberatung, München, 26./27. Oktober 2015  (istob Zentrum für Systemische Therapie, Supervision und Beratung)
    und
    Blended Counseling und systemische Interventionsstrategien in der Onlineberatung – Stuttgart, 05./06. November 2015 (Katholische Bundeskonferenz Ehe-, Familien- und Lebensberatung) (ab S. 39 im Programm zu finden)

 

Artikel zur Online-Supervision im JOURNAL SUPERVISION

Im vergangenen Jahr wurde ich von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) dazu eingeladen, einen kleinen Überblicksartikel zum Thema „Online-Supervision“ für das „JOURNAL SUPERVISION“ zu schreiben. Der Artikel ist im Dezember 2013 erschienen und mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber, darf ich ihn meinen Leser_innen auch hier zur Verfügung stellen. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Artikel.

Ein Überblick über den aktuellen Stand der Online-Supervision, ihren besonderen Charakter und Entwicklungsaufgaben für die Zukunft (erschienen in: JOURNAL SUPERVISION 4/2013)

Text: Emily Engelhardt

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und Mediatisierung unserer Gesellschaft müssen sich Supervisor/innen Gedanken darüber machen, in welchem Setting und mit welchen Methoden sie ihr Supervisionsangebot gestalten. An einer Auseinandersetzung mit Onlineberatung kommen sie dabei nicht vorbei. Im alltäglichen Gebrauch finden sich für dieses Format unzählige Begriffe: Von „Internetberatung“ über „digitale Beratung“, „computergestützte Beratung“ oder „E-Beratung“ bis hin zu den im englischsprachigen Raum gängigen „E-Counseling“ oder „Distance Counseling“. Allen gemein ist, dass sie sich für den Akt der Beratung der Infrastruktur des Internets bedienen. Wenn hier von Onlineberatung gesprochen wird, ist eine Form der Beratung gemeint, wie sie von der Kommission Fortbildung Online-Beratung (KFOB) der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) im Jahr 2003 sehr treffend beschrieben wurde:

„Psychologische Online-Beratung ist eine aktive, helfende Begegnung resp. Beziehung zwischen einem/einer Ratsuchenden und einer/einem psychologischen BeraterIn. Sie findet virtuell im Internet mittels dessen spezifischer Kommunikationsformen (E-Mail, Chat, Forum etc.) statt, wobei die KlientInnen Ort und Zeitpunkt der Problemformulierungen selber bestimmen. Sie hat zum Ziel, bei den KlientInnen kognitiv-emotionale Lernprozesse anzuregen, damit die Selbststeuerungs- und Handlungsfähigkeit wieder erlangt oder verbessert werden kann. Psychologische Online-BeraterInnen stützen ihre Beratung auf anerkannte psychologisch-beraterische Methoden und halten sich an medienspezifisch erweiterte berufsethische Standards (Schweigepflicht, Datenschutz, Erkennbarkeit der Beraterpersönlichkeit, u.a.).“ (KFOB, 2003)

In Hinblick auf Online-Supervision besteht noch großer Entwicklungsbedarf auf konzeptioneller und qualitativer Ebene (Höllriegel, 2013). Wie in den Anfängen der Onlineberatungspraxis wird hier meist Folgendes getan: Bewährte Beratungskonzepte aus der klassischen Supervision werden in das Online-Setting übertragen und – mal mehr, mal weniger – eins zu eins übersetzt. So dient momentan noch die face-to-face Supervision als Referenzmodell für die Online-Supervision.

Onlineberatung ist anders
Die Vorteile der Onlineberatung liegen auf der Hand: Da ist zunächst die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit des Zugangs zu Onlineberatungsangeboten. Klient/innen können ihre Anliegen in dem Moment formulieren und abschicken, in dem es ihnen „unter den Nägeln brennt“. Wartezeiten werden verringert bzw. fallen teilweise ganz weg. Durch die Möglichkeit eines anonymen Kontaktes wird die Schwelle zum Beratungsangebot nochmals gesenkt. Was oft als Nachteil für die Beratenden ausgelegt wird, nämlich der Wegfall von visuellen Reizen (Gestik, Mimik, Stimme etc.), ist durchaus ein Vorteil: für die Ratsuchenden, da sie besonders bei schambesetzten Themen keine Stigmatisierung befürchten müssen; und für die Beratenden, weil sie sich nicht von äußeren Reizen ablenken lassen, sondern auf den Text fokussieren (Vgl. Höllriegel, 2013, 5). Gleichwohl steckt in dieser Reduzierung der Kanäle eine besondere Herausforderung für Onlineberatende. Sie müssen über die Fähigkeit verfügen, Texte entsprechend „entschlüsseln“ zu können und ggf. auch „zwischen den Zeilen“ zu lesen.

Je nachdem in welchem Onlinesetting die Beratung stattfindet, sind wiederum spezifische Merkmale erkennbar. Etabliert haben sich inzwischen die Formen E-Mail-Beratung[1], Forenberatung (vgl. Brunner, Engelhardt, Heider, 2009) und Chatberatung. Hierbei ist schon die erste Differenzierung vorzunehmen: E-Mail- und Forenberatung finden asynchron statt, bei der Chatberatung ist der Kontakt zwischen Berater und Klient unmittelbarer und findet synchron vermittelt statt.
Neuere Entwicklungen in der Onlineberatung setzen stärker auf die Nutzung mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets), so dass künftig eher von einem „Beratungsstream“ oder dem „Coach in der Hosentasche“ zu sprechen sein wird.

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass Onlineberatung durch die Kanalreduktion kühl und distanziert sei. Dieser Umstand bringe eine „Ent-Sinnlichung“, „Ent-Emotionalisierung“ und „Ent-Menschlichung“ mit sich (Vgl. Döring, 1997). Die virtuelle Kommunikation bietet aber ein großes Spektrum an „Ausdruckskreativität“ – und es liegt an der Kompetenz der Beratenden, einen virtuellen Beziehungsaufbau so zu gestalten, dass sich die Kund/innen angenommen und gut aufgehoben fühlen.

Online-Superversion: Schreiben als reflexives Moment
Eine Supervision, die online stattfindet, bietet viele der bereits für Onlineberatung genannten Vorteile. Dass Schreiben an sich schon ein strukturierendes und reflexives Moment ist, liegt auf der Hand.
Die Schreibenden sind dazu angehalten ihre Worte genau zu wählen, um auszudrücken, was sie übermitteln möchten. Sie können nochmals nachlesen, was sie geschrieben haben, ergänzen, verändern, korrigieren, erweitern.
Im Gegensatz zur unmittelbar stattfindenden face-to-face Supervision, ergibt sich bei der
Online-Supervision automatisch ein Prozess der Entschleunigung (zumindest in asynchronen Beratungssettings). Im Sinne einer lösungsorientierten Beratungshaltung, bei der „das Wesentliche zwischen den Sitzungen geschieht“, ermöglicht Online-Supervision eben diese Erfahrung: Der Reflexionsprozess findet nicht wie bisher zwischen den Supervisionsterminen, sondern im Prozess des Schreibens und Überdenkens seinen Ausdruck. (Vgl. Koch, 2009, 6, Goebel-Krayer, 2007, 4)
Die Supervisanden sind stärker aufgerufen sich mit (der Beschreibung) ihrer beruflichen Situation und den damit verknüpften Frage- oder Problemstellungen zu befassen. Sie müssen wesentlich expliziter benennen, was ihr eigentliches Anliegen an die Supervision ist und beantworten sich – so ist anzunehmen – im Schreiben bereits viele Fragen selbst.

Supervision via E-Mail
Der einfachste Einstieg in die Online-Supervision ist für beide Seiten (Supervisor/in und Supervisand/in) sicherlich die Supervision via E-Mail. Durch die zeitliche Entzerrung des Kontaktes (im Gegensatz zum synchron verlaufenden Chat) haben Supervisor/in und Supervisand/in genügend Zeit ihre Texte zu bearbeiten – und in der Fassung zu versenden, die ihnen am besten zusagt.

Nach Goebel-Krayer „…sind E-Mails im Kontext von Supervision für sich genommen Erzählungen oder Beschreibungen vom beruflichen Alltag. Es sind hochgradige Verdichtungen sozialer Wirklichkeit, in denen SupervisandInnen ihre Perspektive der Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten, der Institution, in der sie arbeiten, und ihrer Rolle darin darstellen.“ (Goebel-Krayer, ebd., 3)

Praktisch gestaltet sich die Supervision via E-Mail folgendermaßen: Supervisor/in und Supervisand/in vereinbaren im Vorfeld des eigentlichen Supervisionsprozesses im Live-Kontakt, telefonisch oder ebenfalls schriftlich via Mail miteinander die Modalitäten des Supervisionsprozesses. Letztlich handelt es sich hierbei um die Aushandlung eines organisatorischen Kontraktes. Die ersten Mailkontakte sind dann entsprechend unterschiedlich stark geprägt durch Aushandlungsprozesse zur Bildung der gemeinsamen Arbeitsgrundlage bzw. durch die inhaltliche Arbeit am Thema.
Es zeigt sich – wie auch in den face-to-face-Supervisionsprozessen –, dass eine immer wiederkehrende Auftragsklärung notwendig ist, da „…sich häufig Themen verändern, verschieben oder auflösen und dann wieder das Anliegen geklärt werden muss.“ (Koch, ebd., 2).

Supervision via Chat
Grundsätzlich herausfordernder stellt sich die Supervision im quasi-synchron verlaufenden Chat dar. Die Schreibgeschwindigkeit ist naturgemäß im Chat recht hoch, so dass der Reflexionsprozess eine andere Dynamik bekommt. Der/die Supervisor/in ist hier im Sinne der Prozessverantwortung dazu angehalten, das Tempo des Chats genau zu prüfen und ggf. anzupassen oder mit dem/der Kunden/Kundin zu besprechen, wie ein angemessenes Schreibtempo eingehalten werden kann. Zu den Besonderheiten der Beratung im Chat finden sich bei Hintenberger (2006) ausführliche Hinweise. Höllriegel (ebd.) weist zudem auch auf Grenzen der Supervision im Chat hin. Ganz grundsätzlich gilt für beide Formate der Online-Supervision, dass zwar die Anliegen schneller auf den Punkt gebracht werden. Es ist nach Koch aber dennoch „…ein Irrtum zu meinen, Online-Coaching sei eine schnelle Beratung. […] Online-Coaching eignet sich nach meiner Erfahrung vor allem für persönliche Klärungsprozesse, die auch ihre eigene Zeit brauchen.“ (Koch, ebd., 8)

Die speziellen Kompetenzen eines Online-Supervisors
Gute „face-to-face“-Supervisor/innen sind nicht automatisch auch gute Online-Supervisor/innen. Die Kompetenzen, die ein/e Supervisor/in in der Online-Supervision aufweisen muss, unterscheiden sich in vielen Punkten von denen, die er/sie in klassischen Supervisionssettings einbringen muss. Das methodische Vorgehen lässt sich nicht einfach eins-zu-eins in das virtuelle Beratungssetting übertragen. Wenngleich natürlich die Elemente wie Auftragsklärung und Lösungsentwicklung auch in der Online-Supervision eine wesentliche Rolle spielen, so laufen sie doch verändert ab und bedürfen einer Modifikation wenn nicht gar Neuentwicklung. Grundsätzlich sollten Online-Supervisor/innen vor allem über Schreib- und Lesekompetenz verfügen und sich sowohl mit den technischen Gegebenheiten, als auch mit den Besonderheiten computervermittelter Kommunikation vertraut fühlen (Vgl. Höllriegel, ebd., Knatz, 2006a). Nicht zuletzt deshalb ist es notwendig, dass Supervisor/innen, die Online-Supervision anbieten, eine Qualifizierung in Onlineberatung besitzen. Allzu oft wird noch davon ausgegangen, dass die Kompetenzen, die im Rahmen einer allgemeinen Supervisionsausbildung erworben werden, ausreichen, um auch eine qualifizierte Online-Supervision anzubieten. Noch gibt es keine einheitlichen Ausbildungen für die Onlineberatung geschweige denn Online-Supervision, jedoch konnten sich in den vergangen Jahren die großen Träger der Onlineberatung auf ein gemeinsames Curriculum und damit verbundene Standards für die Ausbildung einigen, die den Maßgaben der Deutschen Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) entsprechen (vgl. auch Kühne, 2012). Grundsätzlich vermittelt werden in der Ausbildung Kenntnisse:
– zur Onlinekommunikation (Grundlagen computervermittelter Kommunikation, Mediensprache, virtuelle Gruppendynamik)
– zur Onlineberatung im Speziellen (z. B. theoretische Konzepte internetbasierter Beratung, Kenntnisse zur Gestaltung eines virtuellen Beratungsprozesses)
– zu rechtlichen und organisatorischen Bedingungen (z. B. Technik, Datenschutz) (vgl. Curriculum Online-Beratung, 2011)

Die Zukunft: On- und Offlineberatung mischen
Durch nahezu alle Alters- und Zielgruppen für Supervision vollzieht sich eine stärkere Mediatisierung der Kommunikationsmuster. Supervisor/innen müssen deshalb ein Verständnis dafür entwickeln, dass die Kund/innen bewusst den Weg über die Online-Supervision wählen, um eine Unterstützung in in Anspruch zu nehmen.
Für die Supervisionsausbildung bedeutet dies künftig auch die Integration von Qualifikationsbausteinen in Online-Supervision in die bestehenden Weiterbildungsformate. Denn den Fachverbänden für Supervision muss klar sein, dass Supervisor/innen auch jetzt schon Online-Supervision anbieten – häufig ohne die dafür notwendige Zusatzqualifikation. Um ein Angebot sicher zu stellen, das den Anforderungen der zertifizierenden Dachverbände für Supervision entspricht, wird die Umsetzung entsprechender Qualifikationsmöglichkeiten notwendig sein.

Gleichwohl geht es nicht darum, nun „alles online“ zu machen. Eine Perspektive für die Online-Supervision lautet daher: Blended Counseling. Gemeint ist hiermit „…eine Mischform aus Offline- und Onlineberatung, die im Beratungsprozess Anteile der Onlineberatung und Anteile der Face-to-Face-Beratung systematisch miteinander verbindet.“ (Weiß, 2011, 14)
Die Verknüpfung von klassischen face-to-face Supervisonsprozessen mit virtuellen Supervisionsanteilen schafft einen Mehrwert für Supervisand/innen (und Supervior/innen). Neben der höheren Flexibilisierung der Beratung, die besonders für zeitlich stark beanspruchte Kund/innen relevant ist, schafft die Verknüpfung von Online- und Offline-Supervisonsanteilen auch eine besondere Form der Reflexion. Die Dokumentation des Prozesses stellt für die Supervisand/innen einen besonderen Gewinn dar (die Mails und/oder Chatprotokolle bleiben auch im Anschluss an den Supervisionskontakt bestehen, was auch im Sinne der Qualitätssicherung einen wichtigen Aspekt darstellt (vgl. Höllriegel, ebd. 18)): Sie können auch im Anschluss noch einmal zu den Texten zurückkehren, sie neu lesen, neu überdenken und für sich interpretieren und reflektieren. Es werden neue Beschreibungen gefunden und neue Interpretationsmöglichkeiten geschaffen.

Emily Engelhardt ist Geschäftsführerin des Instituts für E-Beratung, TH Nürnberg, Systemische Supervisorin (SG) und Systemische Beraterin (SG) (www.der-dreh.net), Onlineberaterin und Ausbilderin (DGOB).  Arbeitsschwerpunkte: Online-Supervision, Wirksamkeitsforschung, Blended Counseling.

Literatur
Brunner, Engelhardt, Heider (2009): Forenberatung. In: Hintenberger, Gerhard/ Kühne, Stefan: Handbuch Onlineberatung
Curriculum Online-Beratung (2011) [unveröffentlichtes Papier der Trägerkonferenz Onlineberatung, Nürnberg]
Döring, N.(1997): Kommunikation im Internet. Neun theoretische Ansätze. In: B. Batinic: Internet für Psychologen
Kühne, S. (2012): Qualitätsmanagement in der psychosozialen Onlineberatung, Masterarbeit
Weiß, S. (2011): Blended Counseling: Aspekte zur Integration psychosozialer Offline- und Onlineberatung, unveröffentlichte Masterarbeit

Zeitschriften
Goebel-Krayer, E. (2007): Narrative E-Mail-Supervision. In: e-beratungsjournal,  3. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Hintenberger, G. (2006): *taschentuchreich* – Überlegungen zur Methodik der Chatberatung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 2
Höllriegel, K. (2013): Online-Supervision – Potentiale und Restriktionen. In: e-beratungsjournal, 9. Jahrgang, Heft 1, Artikel 2
Knatz, B. (2006a): Qualitätsstandards für die Online-Beratung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 1, Artikel 5
Knatz, B. (2006b): Methodische Konzepte der TelefonSeelsorge im Internet. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Koch, B. (2009): Ist Online-Coaching „richtiges“ Coaching?, In: e-beratungsjournal, 5. Jahrgang, Heft 1, Artikel 6

Websites
www.dgsv.de/supervision/ [zuletzt gelesen am 20.12.2012]
www.ifs-essen.de/uploads/media/Aufsatz_von_Bernd_Reiners_Supervision_von_Online-Beratung.pdf , S. 13f [zuletzt gelesen am 09.01.2013]
http://www.psychologie.ch/de/publikationen/dokumentation/reglemente/kompetenz_online.html [zuletzt gelesen am 21.12.2012]


[1] Gemeint ist hier die webgestützte Einzelberatung die häufig als E-Mail-Beratung bezeichnet wird, bei der aber die Daten auf einem Server gespeichert werden und nicht wie bei einer normalen E-Mail über mehrere Server verschickt werden. Bei einer seriösen E-Mail-Beratung handelt es sich immer um eine SSL-verschlüsselte Variante, die den aktuellen Sicherheitsbestimmungen des Datenschutzes entspricht.

7 Schritte auf dem Weg zum eigenen Onlineberatungs-Angebot

„Alle sind doch online, darum haben wir jetzt auch ein Onlineberatungs-Angebot“, so höre ich manchmal, wenn mir erzählt wird, warum eine Einrichtung jetzt auch Onlineberatung anbietet. Der Hintergedanke ist ja durchaus ganz richtig. Der Weg zum eigenen Angebot sollte aber – damit es gelingen kann – in mehreren Schritten erfolgen.

Ich möchte Ihnen sieben Schritte vorstellen, die hilfreich sein könnten, wenn Sie ein Onlineberatungsangebot planen. „Onlineberatung um des Online-sein-Wollens“ sollte hierbei eine untergeordnete Rolle spielen. Denn zunächst sollten Sie folgende Fragen beantworten:

1. Schritt „Ist die Zielgruppe, die ich erreichen will im Netz unterwegs?“
Die Antwort lautet mit hoher Wahrscheinlichkeit „Ja“. Denn wenn man sich die aktuellen Studien zur Internetnutzung anschaut, auf die ich in diesem Artikel schon einmal hingewiesen habe, wird deutlich: Nahezu jede/r hat heute zumindest die Möglichkeit das Netz zu nutzen. Dennoch macht es Sinn genau hinzuschauen und bei den Betroffenen auch einmal direkt nachzufragen. Niemand kann einem soviele wichtige Informationen in der Planungsphase geben, wie diejenigen, die man mit einem künftigen angebot erreichen möchte!

2. Schritt „Wen will ich mit meinem Angebot erreichen?“
Hier geht es schon um eine konzeptionelle Ausdifferenzierung. Will ich ein Onlineberatungsangebot konzipieren, dass die ganze Zielgruppe (z. B. Eltern- und Jugendberatung) meines bisherigen Beratungsangebots erreicht oder nur bestimmte Teile (z. B. Jugendliche)?

3. Schritt „Was will ich mit meinem Angebot erreichen?“
Wollen Sie einen weiteren Zugangsweg zu Ihrer Beratungsstelle anbieten? Geht es darum ein zusätzliches Angebot für eine geschlossene Gruppe (z. B. begleitene virtuelle Selbsthilfegruppe) anzubieten? Sie müssen sich im klaren sein, was Sie mit Ihrer Onlineberatung erreichen wollen, denn nur so werden Sie ein klar strukturiertes Angebot schaffen können.

4. Schritt „Was bin ich bereit anzubieten?“
Sind Sie 24/7 erreichbar für Ihre Klient/innen? Wie schnell reagieren Sie auf die eingegangenen Anfragen? Werden Sie sich klar darüber, dass Onlineberatung bedeutet, dass Sie eine ratsuchende Person nicht über mehrere Tage warten lassen dürfen. Onlineberatung bedeutet: Schnell reagieren. Eine Erstantwort sollte nicht länger als 48 Stunden dauern.

5. Schritt „Was brauchen meine Klient/innen oder Kund/innen?“
Sie haben nun schon eine Idee davon, was Sie wollen – aber was will Ihre Zielgruppe? Ihre Ziele müssen zu denen Ihrer Klient/innen oder Kund/innen passen. Es ist zwar wichtig, dass Sie wissen, was Sie bereit sind anzubieten, aber wenn es keiner haben will ist dies vergebene Liebesmüh. Prüfen Sie noch einmal, ob beide Seiten zusammenpassen. Haben Ihre Klient/innen im Verlauf eines Beratungsgesprächs vielleicht einmal geäußert, dass es schön wäre, wenn man mit Ihnen auch in der Zwischenzeit in Kontakt bleiben könnte? Wünschen sich andere vielleicht den Austausch mit Gleichgesinnten? Dies sind wichtige Anhaltspunkte für die weitere Konzeption Ihres Angebots.

6. Schritt „Was brauche ich zur Umsetzung meines Plans?“
Hier geht es vor allem um die Frage der Kompetenzen und Technik. Wenn Sie gut gerüstet in die Onlineberatung starten wollen, müssen Sie sich vorher entsprechend qualifizieren. Schauen Sie sich nach Ausbildungsmöglichkeiten um und vergleichen Sie die Angebote. Reicht ein Wochenendkurs? Wollen Sie einen zertifizierten Abschluss als Qualitätsnachweis für Ihre Ausbildung? Fragen Sie andere Onlineberater/innen über Ihre Qualifizerung in Onlineberatung aus. Bereiten Sie sich vor und nehmen Sie die Fachliteratur zur Hand.
Und dann die Technik: Sie wissen jetzt was Sie wollen, aber ist das auch technisch umsetzbar? Welche Tools brauchen Sie? Wollen Sie textbasiert beraten oder ist eine Begegnung im Video-Chat für Sie und Ihre Zielgruppe wichtig? Auch hier gilt: Vergleichen Sie die Angebote der Anbieter und schauen Sie genau hin, was Ihnen geboten wird.

7. Schritt „Wie mache ich mein Angebot bekannt?“
Sie haben Ihr Konzept, die Beratungsplattform steht, aber kein Ratsuchender meldet sich? Auch im Netz müssen Sie Öffentlichlkeitsarbeit und Akquise betreiben. Wenn Sie schon eine Homepage hatten, um Ihr bisheriges Angebot zu bewerben, platzieren Sie die Onlineberatung an prominenter Stelle, so dass sie schnell gefunden wird. Vernetzen Sie sich mit anderen Einrichtungen und bitten um Verlinkung zu Ihrem Angebot. Erzählen Sie was Sie tun – nicht nur, dass Sie jetzt auch online beraten, sondern was genau dort passiert und welchen Nutzen Ihre Zielgruppe davon hat!
Weitere Aktionen wie gezielte Werbemaßnahmen, eine Facebookseite etc. müssen Sie je nach Ihrem Einsatzgebiet und Angebot abwägen. Viel wichtiger: Erzählen Sie Ihren Klient/innen und Kund/innen davon – sie tragen es ggf. weiter oder nehmen Ihr Angebot in Anspruch. Vielleicht kennen Sie jemanden bei Ihrer örtlichen Tageszeitung, der ein Interview mit Ihnen machen möchte…?

Und dann gibt es doch noch einen 8. Schritt: Prüfen Sie stetig Ihr Angebot. Erreichen Sie diejenigen, die Sie erreichen wollten? Fühlen Sie sich sicher im Beraten? Wie wollen Sie supervidiert werden (vielleicht ja online?).

Vielleicht helfen Ihnen diese Fragen als Anregung bei der Umsetzung Ihres Angebots. Wenn Sie Rückmeldungen, Anregungen oder Erfahrungen teilen wollen, freue ich mich darüber.

 

Nachlese vom 6. Fachforum Onlineberatung in Nürnberg, Teil 2

Das Fachforum schaut schon seit Jahren auch über den „deutschen“ Tellerrand hinaus, was in den europäischen Nachbarländern in Sachen Onlineberatung so geboten wird. In diesem Jahr waren unter anderem Referent/innen aus den Niederlanden, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Dänemark in Nürnberg und haben von Ihren Erfahrungen berichtet.

Besonders beeindruckt hat mich der Vortrag von Anette Jochumsen aus Dänemark, die uns deutlich vor Augen geführt hat, dass je weiter man auf der Weltkugel gen Norden geht, die Dinge doch oft auch einfach besser werden. Dieser Blickwinkel mag nun meiner eigenen Herkunft als Norddeutsche geschuldet sein (man muss ja den Bayern auch mal ein bisschen was entgegensetzen 😉 ), aber wenn man hört, wie Anette Jochumsen davon berichtet, was in nur wenigen Jahren in Sachen Online-Bildungs- und Berufsberatung vorangetrieben wurde, kann man schon etwas neidisch werden.

Dass mit dem Angebot der Bildungs- und Berufsberatung online in weniger als drei Jahren über 200.000 tausend Ratsuchende erreicht wurden, ist hierbei nur einer von vielen beeindruckenden Fakten, von denen Jochumsen in ihrem überaus spannenden Vortrag berichtete.

Sie erläuterte in ihrem Vortrag außerdem ein 4-K-Modell in dem die vier Phasen „Kontakt, Kontrakt, Kommunikation und Konklusion“ als Orientierung für die Gestaltung des Beratungsprozesses den Berater/innen an die Hand gegeben werden. Vorrangig findet die Beratung im Chat statt. Und in diesem tauschen sich auch die Berater/innen untereinander bei Fragen aus oder unterstützten sich gegenseitig in Form einer kollegialen Beratung. Das viele von ihnen problemlos bequem und flexibel von Zuhause aus arbeiten können würde man sich hierzulande auch öfter wünschen. In Webinaren erhalten die Nutzer/innen zudem Informationen zu bestimmten Themen der Bildungs- und Berufsberatung.

Einen kurzen Überblick über die Arbeit von Anette Jochumsen und ihren Kolleg/innen kann man sich außerdem in einem Interview, dass das e-beratungsjournal vor einiger Zeit mit ihr geführt hat, verschaffen.

Im November bin ich als Referentin zum Thema „Blended Counseling“ zum Gegenbesuch in Dänemark auf der Konferenz der Berufs- und Bildungsberater/innen eingeladen und bin jetzt schon sehr gespannt auf den Austausch mit einem Team, dass sich „jedes Jahr eine Innovation“ zum selbsterklärtem Ziel gesetzt hat.

Beratung und mobile Internet – Herausforderungen für die Gegenwart und Zukunft

Vor einigen Wochen erschien die neue ARD/ZDF-Onlinestudie 2013, in die jede/r einen Blick werfen sollte, der/die sich ein Bild über den aktuellen Entwicklungsstand der Internetnutzung in Deutschland machen möchte. Die wesentlichen Ergebnisse lassen sich in dieser Zusammenfassung lesen – unterm Strich lässt sich feststellen, dass die Onliner immer länger im online sind, was nicht zuletzt an der immer stärkeren Verbreitung der mobilen Endgeräte liegt. Interessant, wenn auch nicht überraschend, ist in diesem Zusammenhang, dass diejenigen, die ein Smartphone nutzen auch wesentlich länger online sind, als die, die „nur“ mit Laptop und/oder PC ins Netz gehen.

Mit dieser immer größeren Verfügbarkeit des Internet und der steigenden Selbstverständlichkeit irgendwie doch immer online zu sein, geht eine zweite Entwicklung einher: Auch Beratung und Coaching über das Netz werden mobil genutzt. Hierauf reagieren zu allererst die Anbieter von Onlineberatungs-Software, die Ihre Produkte insofern optimieren, dass sie auch problemlos über’s Tablet und mobile Endgeräte nutzbar sind.

Doch was bedeutet das für uns Beratende? Kürzlich sprach ich auf einer Tagung mit ein paar Onlineberatern, die mir zu dieser Entwicklung sagten „ich kann doch nicht auch ständig online sein – irgendwann ist doch auch mal gut?“. Auf mein Nachhaken stellte sich heraus: Es ging ihnen gar nicht so sehr um das „ständig online sein“ an sich, sondern vielmehr darum, dass sie in Frage stellten, welchen Wert ihre Beratungsleistung noch habe, wenn sie von den Empfängern „nebenbei in der U-Bahn“ abgerufen und gelesen werde.

Eine durchaus verständliche Frage, die ich mir auch stelle. Braucht Beratung über das Netz bestimmte Rahmenbedingungen? Ist es überhaupt noch „Beratung“, wenn Berater/in und Ratsuchende/r sich nur noch kurze Textnachrichten hin und her senden? Und wenn die Antwort „Nein“ lautet – was ist es denn dann und was wollen wir damit anfangen?

Vielleicht sollte die Frage aber in eine andere Richtung gehen und eher lauten: Wie wollen wir die Möglichkeiten (und Chancen!) die in der Nutzung auch des mobilen Internet stecken künftig für Beratungs-/Coachingprozesse nutzen?

Aus meiner Sicht müssen sich die Beratenden vor allem mit der Frage beschäftigen, wie sie ihr Gesamt-Beratungs-/Coachingangebot gestalten wollen. Unter dem Stichwort „Blended Counseling“ also der systematischen Verknüpfung der unterschiedlichen Beratungssettings (face-to-face, online, telefonisch, mobil…) lassen sich einige Antworten finden.

Es wird künftig nicht darum gehen, die Wertigkeit des Einen oder Anderen in Frage zu stellen. Vielmehr werden wir Konzepte entwickeln müssen, die sowohl das Eine als auch das Andere erlauben und uns als Beratende/Coaches im Sinne der Prozessverantwortung ermöglichen, für unsere Klient/innen und Kund/innen das bestmögliche Beratungssetting anzubieten.

Hierzu gehört neben der Entscheidung „Was biete ich wann und unter welchen Bedingungen an?“ auch das Bewusstsein für die Besonderheiten der jeweiligen Kommunikationsformen. Wem es gelingt ein stimmiges Konzept zu entwickeln, der wird auch künftig seine Zielgruppen erreichen und beraten können. (Und wer weiß, ob nicht auch manche Menschen wenn sie in der Bahn unterwegs sind, mehr Ruhe haben, als wenn sie Zuhause vorm Rechner säßen…)