Archiv der Kategorie: Digitalisierung

Kommt jetzt die zweite Welle!?

Ja na klar – bei der Überschrift denken sich manche jetzt „Hä, lebt die hinterm Mond? Wir sind doch schon mittendrin!“. Das stimmt natürlich, wenn es auf die Pandemieentwicklung bezogen wird. Meine Frage zielt aber in Richtung der Notwendigkeit (wieder) Onlineberatung anbieten zu müssen/können/dürfen.

Aber zunächst ein kurzer Rückblick auf die letzten acht Monate. Schon relativ zu Beginn der Pandemie in Deutschland und Europa haben viele Beratungsstellen (notgedrungen) auf Onlineberatung umgestellt. Einige waren ohnehin schon online und haben einfach mehr von dem gemacht, was es bereits gab. Es konnte daher auch auf vorhandene Strukturen relativ unproblematisch aufgesetzt werden: Die PCs waren da, die Fachkräfte geschult, die Software für sichere Kommunikation vorhanden und vor allem war das Angebot bereits vielen Klient*innen bekannt.

Andere mussten ins kalte Wasser springen und haben diesen Sprung mal mehr mal weniger elegant vollzogen: Träger, die die entsprechenden (finanziellen) Ressourcen zur Verfügung hatten, haben Schulungen organisiert und noch schnell eine Software eingekauft. Denn auch das ist momentan, so hört man, ein Problem. Zumindest bei einem Onlineberatungs-Softwareanbieter, der sicherlich zu den führenden in Deutschland gehört, scheint das Telefon und damit der Kundenservice seit einigen Monaten kaum besetzt zu sein. Die Nachfrage nach adäquaten Lösungen zur Umsetzung eines Onlineberatungsangebots scheint also auch exponentiell gewachsen zu sein…

Bei anderen, die vielleicht auch nicht die Mittel und Möglichkeiten hatten, wurde dann teils sehr kreativ nach Lösungen gesucht und autodidaktisch ins Onlineberatungsgeschäft eingestiegen. Und leider gibt es auch (ob großer oder kleiner Träger) Beispiele, die leider etwas grausig sind. Das Thema Datenschutz ist immer „das Problem“. Und dies kann man oftmals gar nicht nur allein denen zum Vorwurf machen, die eben versuchen schnell und unkompliziert für ihre Klientel ein Angebot aus dem Boden zu stampfen. Wie bei den Schulen wurde das Thema „Digitalisierung“ auch in der Sozialen Arbeit in den letzten Jahren größtenteils verpennt.

Dann kam der Sommer und endlich durfte man wieder „richtig“ beraten – ja, so habe ich das durchaus häufiger gehört. Richtige Beratung geht also, wenn zwei (oder mehr) in einer Beratungsstelle zusammen in einem Raum sitzen und miteinander sprechen. Hm, irgendwie komisch – haben also davor alle „falsch“ beraten? Oder eben „nicht so richtig gut“ oder…

Ja oder! Oder haben sich einige Beratende dabei einfach nicht so wohl, so sicher und versiert wie sonst gefühlt? Ich tippe auf letzteres, denn natürlich weiß jede*r der*die Onlineberatung richtig gelernt hat, dass man auch schriftlich oder gar per Video „richtig“ beraten kann. Man muss es eben können. Gleiches gilt ja auch für die, die nicht gelernt haben ein mündliches Beratungsgespräch in der Präsenz zu führen – auch die fühlen sich dabei ja nicht richtig wohl.

Und dennoch: Es war eine Bärenaufgabe, die viele Beratende in den letzten Monaten zu bewältigen hatten. Mit wenig Mitteln, kaum technischer Ausstattung und manchmal ganz ohne Schulungsmaßnahme in das Onlineberatungsgeschäft, noch hinzu in einer so unsicheren Zeit, zu starten, das war und ist wirklich eine Leistung! Und die gilt es auch zu würdigen.

Jetzt kommt der Herbst und Winter und wir werden wieder über Monate mit unterschiedlichen Beschränkungen (ob nun angeordnet oder selbstverordnet) leben müssen. Kommt jetzt also „die zweite Welle der Onlineberatung“?! Ich wünschte, ich könnte jetzt schreiben: Nein! Und zwar nicht, weil Corona einfach verschwindet, sondern weil wir Onlineberatung nicht als eine zwangsläufige und temporär begrenzte Reaktion auf pandemiebedingte Einschränkungen einsetzen. Sondern weil sie sich nun endlich etabliert und als Regelangebot (inkl. Finanzierungsstruktur!) in die Beratungs- (und Therapie-) Landschaft verankert wird.

Dazu bräuchte es aber neben dem politischen Willen über die Finanzierungsstrukturen von Beratungsangeboten neu nachzudenken und diese zukunftsfähig zu regeln auch die Bereitschaft sich von einem beratungstheoretischen Verständnis zu lösen, dass nach wie vor Mündlichkeit und Präsenz in den Mittelpunkt rückt. Oder wie Joachim Wenzel 2013 schon vorschlug,

„…dass Berater nicht länger das Gespräch als ihr zentrales Medium ansehen, sondern ihr Beratungsverständnis generell auf Kommunikation hin erweitern, wie auch immer diese konkret realisiert wird. Wenn die Kommunikation im Mittelpunkt des professionellen Beratungshandelns stehen würde, wäre es möglich, die Beratung insgesamt theoretisch neu zu fassen, und Fragen der Medienbildung würden damit in die Beratungsfachlichkeit mit hineingenommen werden.“ (S. 228)

Wenn es uns gelingt, die nun bevorstehenden Monate zu nutzen, um weitern an Konzepten zu feilen, Berater*innen zu qualifizieren, Klient*innen mit einzubeziehen und die Beschränkungen als Spielraum für neue Möglichkeiten zu interpretieren, sind wir besser gerüstet für das nächste Jahr und die Zeit danach. Ob mit oder ohne Virus.

Coronakrise, Homeoffice, Durchbruch der Onlineberatung – eine Zwischenbilanz

Am 10. März hatte ich dies auf meine Instagram-Account gepostet:

An dem Tag wusste ich noch nicht, dass es weitaus mehr als 16 Tage werden würden, die ich im Homeoffice verbringen würde. Denn eigentlich war nur geplant, für die Zeit des Umbaus bei uns im Institut, in das Homeoffice auszuweichen. Rückblickend war es ein großes Glück, denn ich habe mich zu einer Zeit „Homeoffice-fit“ machen können (also mit LAN-Kabel, Headset, gutem Arbeitsplatz etc.), als noch nicht das ganze Chaos losging und alles mögliche an Hardware bestellt und schnell vergriffen war.

Dann kam der „shut-down“ und die ersten Absagen von geplanten Präsenzveranstaltungen trudelten herein. In wenigen Tagen verlor ich viele wichtige Aufträge, die zunächst ins Ungewisse verschoben wurden oder eben ersatzlos gestrichen wurden.

Gleichzeitig das große Glück: Das was ich tue, wenn ich angestellt und selbständig arbeite ist größtenteils auch online möglich. Mir ist klar, dass dies in der aktuellen Situation ein unglaubliches Privileg ist. Und ich sehe, wie Kolleg*innen, die vollkommen auf die Präsenz angewiesen sind/waren, in massive wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten…

Es hat nicht mal eine Woche gedauert, dann explodierte mein Postfach: Eine Anfrage nach der nächsten, wie denn nun auf Onlineberatung umgesattelt werden könne und was dabei zu beachten wäre. Und auch in der medialen Wahrnehmung ist Onlineberatung plötzlich etwas ganz selbstverständliches. Und Bundesministerin Dr. Giffey weist z. B. explizit auf diese Möglichkeit Beratung in Anspruch zu nehmen hin und die NummergegenKummer erhält zusätzliche Mittel.

Ich stehe dieser ganzen Entwicklung nach wie vor mit ambivalenten Gefühlen gegenüber, was ich auch schon in meinem Blogpost am 14. März 2020 zum Ausdruck gebracht habe. Einerseits finde ich es gut und richtig, wie sich nun alle, die beratend und begleitend tätig sind, mit Onlineberatung zumindest als Option beschäftigen müssen. Andererseits stimmt es mich auch ein wenig traurig, dass es eine solche Notsituation braucht(e), damit nun endlich „alle“ aufwachen und sich bewusst machen, dass wir in einem Zeitalter der digitalen Transformation leben und dies eben auch die psychosoziale Beratung betrifft.

Meine Sorge ist auch nach wie vor, dass die Zeit „nach der Krise“ nicht unbedingt zu einer Verstetigung der jetzt entwickelten Konzepte und Maßnahmen im digitalen Raum führen wird, sondern vielmehr, dass Viele froh darüber sein werden, dass es nun auch wieder „wie gewohnt“ fact-to-face geht. Nicht zuletzt, da es gut möglich ist, dass einige jetzt gar nicht die allerbesten Erfahrungen mit der Onlineberatung machen werden.

Und bitte nicht falsch verstehen: Es ist gut und wichtig, dass es irgendwann auch wieder face-to-face gehen wird, nicht zuletzt weil viele Menschen aktuell exkludiert werden, für die Beratung über digitale Wege nicht geeignet oder realisierbar ist!

Gleichwohl: Ich wünsche mir, dass sich aus dieser Phase – deren Länge wir noch nicht kennen, aber es ist gut denkbar, dass wir noch einige Monate unter starken Einschränkungen Beratung realisieren müssen! – ein konstruktiver fachlicher Diskurs entwickelt, der es uns ermöglicht, Beratung konzeptionell neu zu fassen.

Ich hoffe, dies gelingt und nicht zuletzt empfehle ich derzeit allen, die (jetzt zum ersten Mal) Erfahrungen in der Onlineberatung sammeln, dies gut zu dokumentieren. Vielleicht bleibt jetzt auch an der einen oder anderen Stelle etwas Zeit, um im Team in regelmäßigen Abständen auszuwerten, was sich bewährt und gut funktioniert und wo noch immer blinde Flecken sind.
Aus diesen dokumentierten Erfahrungen lassen sich später dann Bedarfe für Konzeptentwicklung, Fort- und Weiterbildung sowie technische/Hardware-Anschaffungen formulieren.

Ich wünsche allen, die in der Beratung tätig sind, dass sie jetzt die Möglichkeit ergreifen können, an der Weiterentwicklung der digitalen Sozialen Arbeit aktiv mitzuwirken. Denn, wie das Caritasmotto 2019 schon sagte: Sozial braucht digital!

Hilfreiche Ressourcen rund um die digitale Beratung in Zeiten der Coronakrise

In den letzten zwei Wochen hat sich einiges getan und so wurden inzwischen viele hilfreiche Ressourcen entwickelt und größtenteils öffentlich zur Verfügung gestellt. Ich nenne hier nur ein paar, die aber größtenteils auf weitere Quellen verweisen.

Empfehlungen der Fachgruppe Onlineberatung & Medien zur Onlineberatung in Zeiten der Coronakrise (Engelhardt & Wenzel):

https://www.dgsf.org/ueber-uns/gruppen/fachgruppen/online-beratung/onlineberatung-in-zeiten-der-coronakrise

Handlungsempfehlungen zur kurzfristigen Umsetzung von Onlineberatung in Zeiten der Coronakrise (Reindl & Engelhardt):

https://www.e-beratungsinstitut.de/wordpress/wp-content/uploads/2020/03/IEB_1012_INFO_Onlineberatung_Corona_public.pdf   

Handreichung zur Krisenberatung am Telefon und per Video (Wenzel/Jaschke/Engelhardt)

https://www.e-beratungsjournal.net/wp-content/uploads/2020/04/wenzel_et_al.pdf  

Empfehlungen und FAQ für Fachkräfte in den Frühen Hilfen (Sammlung zu verschiedenen Themen):

https://www.fruehehilfen.de/service/antworten-auf-praxisfragen/corona-zeiten-empfehlungen-und-faq-fuer-fachkraefte-in-den-fruehen-hilfen/

Empfehlungen von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie zur Durchführung von videobasierter Psychotherapie:

https://lppkjp.de/wp-content/uploads/2020/03/EmpfehlungenVideobasierte-Psychotherapie_DGPs_IG-E-Health_20200326.pdf  

Artikel Kühne/Hintenberger Zur Onlineberatung und -therapie in Zeiten der Krise (e-beratungsjournal.net):

https://www.e-beratungsjournal.net/wp-content/uploads/2020/03/kuehne_hintenberger.pdf  

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Bitte kein digitaler Aktionismus – Beratung in Krisenzeiten!

Seit gestern steht nun fest, in Deutschland wird sich in den nächsten Wochen das öffentliche Leben auf das Nötigste reduzieren – Ausgang offen. Dies hat massive Auswirkungen auch auf Beratungsstellen und therapeutische Praxen.

Menschen, die Rat, Hilfe, Unterstützung und (therapeutische) Begleitung brauchen werden diese in den nächsten Wochen weniger Möglichkeiten haben, diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Sei es, weil sie unter häuslicher Quarantäne stehen oder Angst haben, sich ins öffentliche Leben zu begeben oder aber weil zumindest denkbar ist, dass auch Beratungsstellen in den nächsten Wochen ihren Präsenzbetrieb zeitweilig einstellen oder reduzieren müssen (Eltern, die daheim bleiben müssen, um Kinder zu betreuen usw.).

Und so entwickeln sich derzeit auch viele Überlegungen, wie in der aktuellen Situation reagiert werden kann. Das ist gut und es ist naheliegend, dass nun auch Einrichtungen/Fachkräfte, die Onlineberatung bislang für sich nicht in Betracht gezogen haben, sich nun mit der Frage beschäftigen, wie sie ab kommender Woche für ihre Klientel auch über digitale Wege erreichbar sind.

Doch hier müssen wir jetzt aufpassen: Bitte kein digitaler Aktionismus!! Wenn ab Montag „alle einfach mal online gehen“ setzen wir damit zwei fatale Signale:

  1. Onlineberatung kann man einfach so per (unverschlüsselter) Mail, Chat, Messenger oder Video machen – das ist nicht der Fall! Auch (und gerade) in Zeiten der Krise benötigen wir verlässliche und sichere Kommunikationskanäle. Denn die Regeln des Datenschutzes (DSGVO) und die gesetzlichen Regelungen für ganz bestimmte Berufsgruppen (und dazu gehören in der Regel alle Berater*innen in den einschlägigen Beratungsstellen, Stichwort §203 StGB) ändern sich nicht aufgrund einer weltweiten Pandemie.
  2. Jede*r der*die Beratung kann, kann auch einfach Onlineberatung – auch das ist nicht richtig! Onlineberatung benötigt besondere Kompetenzen, die zunächst erlernt werden müssen. Auch face-to-face Beratung wurde vorher gelernt – wir setzen jetzt ja auch nicht Maschinenbauingenieur*innen oder Bäckermeister*innen  in die psychosoziale Krisenberatung, nur weil diese vielleicht gut reden können.

Wenn sich diese beiden Vorstellungen in den Köpfen derer, die Entscheidungen treffen müssen, verfestigen, hat dies dramatische Auswirkungen auf die Qualität und Sicherheit von Beratung.

Wir brauchen also – wie in allen anderen Felder die aktuell von der Pandemie und der daraus resultierenden Krise betroffen sind – besonnene und durchdachte Lösungen. Datenschutzhinweise können nicht aufgeweicht werden, Beratungskompetenz darf nicht reduziert werden.

Das was wir jetzt gerade in der Sozialwirtschaft erleben ist ein weiterer Hinweis dafür, was langfristig wird passieren müssen: Plattformökonomie.

Doch was gibt es jetzt für kurzfristige Lösungen: Meine Empfehlung wäre, dass die, die über Onlineberatungskompetenzen verfügen, diese nun verstärkt anbieten und einsetzen. Gleichzeitig halte ich es für vertretbar, wenn nicht für Onlineberatung qualifizierte Berater*innen per datensicherer/verschlüsselter Videoberatung ein Angebot zur Verfügung stellen. Es gibt hierfür technisch sichere Lösungen – es kommt darauf an, dass die Kommunikation verschlüsselt stattfindet, so wenig Daten wir möglich gespeichert werden und der Serverstandort möglichst in Deutschland ist. Weitere Anregungen und Empfehlungen für sichere Kommunikationswege gibt es hier (klick)

Ärzte, die Videosprechstunden anbieten können hier Hinweise für gute Softwarelösungen geben. Auch Videoberatung ist nicht Face-to-Face Beratung. Ich halte dies aber insofern für vertretbar, da Kommunikation in Form eines mündlichen Gesprächs stattfindet und dafür sind Beratungsfachkräfte gut ausgebildet. Weitere (methodische) Hinweise zur Videoberatung gibt es hier (klick)

Und ganz wichtig: Wir dürfen jetzt nicht die vergessen, für die ein Onlinekanal – aus welchen Gründen auch immer – nicht erreichbar oder nutzbar ist. „Einfach“ auf Onlineberatung umzusteigen bedeutet auch, dass wir viele Menschen allein lassen, für die nur eine face-to-face Beratung in Frage kommt. Onlinekommunikation, ob textbasiert oder per Video, hat Begrenzungen. Wir dürfen nicht vergessen, dass gerade jetzt für manche Menschen der Rückzug aus dem öffentlichen Raum auch höchst problematische Folgen haben kann, die nicht (ausschließlich) online „aufgefangen“ werden können.

Es braucht also mehr als eine Lösung. Eine gemeinsame Plattform der großen Träger, über die Beratungsangebote unterschiedlichster Art bereitgestellt und koordiniert werden…das wär’s, finde ich.

Beratung in Zeiten der Pandemie…

Es ist erstaunlich, was gerade passiert. Wir erleben weltweit eine der größten Gesundheitskatastrophen der letzten Jahrzehnte und noch ist nicht klar, wie und wann das Ganze enden wird. Neben Hysterie und unerklärlichen Toilettenpapier-Hamsterkäufen passieren gerade im Netz momentan spannende Dinge.

Natürlich lebe ich in meiner Twitter-Bubble – die Accounts, denen ich folge, werden in der Regel von netzaffinen Menschen betrieben, die sich mit der Frage beschäftigen, wie die Digitalisierung, insbesondere in der Sozialen Arbeit, menschlich und sinnstiftend gestaltet werden kann. Das was ich da beobachte ist eine Mischung aus Solidaritätsaktionen (wie die #NachbarschaftsChallenge die Benedikt Geyer von Natascha Strobl aufgegriffen hat) und konstruktiven Ideenpools, die sich mit der Beantwortung der Frage beschäftigen, wie wir unsere Erwerbsarbeit in Zeiten von Covid-19 und der heute von der WHO ausgerufenen Pandemie digital gestalten können.

Diese Frage betrifft natürlich auch in besonderem Maße das Arbeitsfeld von Berater*innen und Therapeut*innen. Unsere Klientel ist auch weiterhin auf Beratung/Begleitung/Unterstützung angewiesen – vielleicht gerade jetzt. Und häufig haben wir es hierbei auch mit Menschen zu tun, die aus unterschiedlichsten Gründen zu den sogenannten Risikogruppen gehören, für die die aktuelle Situation besonders schwer zu bewältigen ist.

Was also tun? Es liegt nahe auch Beratungsgespräche in den virtuellen Raum zu verlegen und damit sicher zu stellen, dass Menschen, die gerade jetzt unsere Hilfe und Unterstützung benötigen, diese weiterhin in Anspruch nehmen können.

Nun tauchen aber zwei Probleme auf, für die es eine schnelle Lösung braucht: Auf der einen Seite benötigen Beratungsstellen – sofern sie nicht bereits Onlineberatung anbieten –  eine geeignete technische Ausstattung. Auch wenn wir uns in einer Krisensituation befinden, die manche auch als „Ausnahmesituation“ interpretieren, gelten weiterhin die wichtigen Grundsätze der Beratung, wie Vertraulichkeit des Wortes und Datenschutz.  Auf der anderen Seite müssen Berater*innen in der Lage sein, Software und Hardware zu bedienen und ihre Beratungskompetenzen auch im virtuellen Raum methodisch fundiert einzusetzen. Und dann braucht es in den Einrichtungen Menschen, die ein Onlineberatungsangebot auch technisch implementieren können. Es scheitert hierbei an Fachkompetenz und finanziellen Mitteln – beide Aspekte können nicht den Berater*innen vor Ort zum Vorwurf gemacht werden, es ist vielmehr ein strukturelles Problem, das in der Sozialen Arbeit immer wieder auftaucht.

Und beide Punkte lassen sich nicht kurzfristig lösen und so ist davon auszugehen, dass die bestehenden Onlineberatungsangebote in den nächsten Wochen vermehrte Nachfrage erleben werden. Viele Menschen, die verunsichert sind, werden alle möglichen Kanäle nutzen, um Antworten auf ihre Fragen zu erhalten – und so werden vermutlich auch in den Onlineberatungsstellen Fragestellungen auftauchen, die eigentlich in die (ohnehin schon überlastete) Hotline der Gesundheitsämter und ähnlicher Expert*innenangebote gehören.

(Hoch)Schulen machen sich Gedanken, wie sie ihr Lehrangebot online abbilden können. Größere und kleinere Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter*innen ins Homeoffice – eine sinnvolle und präventive Maßnahme. Aber was heißt das für die Berater*innen in den psychosozialen Beratungsstellen? Möglich wäre einiges, wenn Rahmenbedingungen und Infrastruktur hierfür geschaffen werden können (s. o.).

Deutschland zeigt gerade, zu was es fähig ist, wenn es will (oder muss) – ich wünsche mir, dass wir aus dieser Krise lernen und die kreativen Lösungen, die wir jetzt erarbeiten werden, nachhaltig und auch über den Pandemie-Zeitraum hinaus systematisch weiterentwickeln.

Messenger in der Onlineberatung

Zunächst einmal: Es heißt wirklich Messenger und nicht Messanger wie ich immer wieder an unterschiedlichsten Stellen lese. Messenger ist – wer hätte es gedacht 😉 – englisch und bedeutet nichts anderes als „Bote“ oder „Kurier“ es hat also mit der Message  (Nachricht), die die Botin zwar bringt, erstmal nur indirekt zu tun.

Im Laufe des letzten Jahres tauchte vermehrt die Fragestellung auf, ob und wie Messenger in der Onlineberatung eingesetzt werden (können). Diese Diskussion ist nicht zuletzt aufgrund der Tatsache entstanden, dass (private) Mailkommunikation, gerade bei jüngeren Altersgruppen, immer mehr abnimmt. Die Nutzung von Messengerdiensten, vor allem von WhatsApp hingegen ist auf einen neuen Höchststand angelangt. So wird WhatsApp von 91% der  14-29jährigen und von immerhin 81% der 30-49jährigen täglich genutzt (s. ARD/ZDF Onlinestudie 2019).

Insofern liegt die Frage nahe, wenn „Alle“ per Messenger kommunizieren, ob nicht auch künftig ein Teil der (Online)Beratung über diesen Kommunikationskanal stattfinden kann oder soll.

Zunächst einmal ist klar: Onlineberatung per WhatsApp geht natürlich aus Datenschutzgründen auf keinen Fall. Es braucht also eine sichere Alternative. Und da scheiden sich schon die Geister. Threema wird hier häufig herangeführt, ist aber im Gegensatz zu den anderen gängigen Messengern (z. B. Signal, Telegram) nicht kostenlos. Kann ich also Ratsuchenden zumuten, dass sich sich diesen Messenger überhaupt leisten?

So haben sich auch Onlineberatungssoftware-Anbieter an die Arbeit gemacht und sichere Messenger entwickelt, bzw. Tools, die für Ratsuchende auf dem Smartphone im „look and feel“ wie ein Messenger funktionieren, für die Beratenden allerdings als Desktopversion laufen.

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Denn das ist häufig die zweite Frage, die sich Berater*innen stellen: Heißt das, dass ich jetzt rund um die Uhr per Messenger und Smartphone für meine Klient*innen erreichbar sein muss?!
Nein, das heißt es nicht, denn das kann (in der Mehrzahl der Konstellationen) sicherlich nicht der Anspruch von einer psychosozialen Beratung sein – und ob dies überhaupt sinnvoll wäre sei zudem dahingestellt.

Es geht also vielmehr darum zu überlegen: Wie können wir Beratende auf das sich verändernde Onlinekommunikationsverhalten (potentieller) Ratsuchender reagieren. Und inwieweit lässt sich per Messenger eine Beratung überhaupt realisieren?

Ein häufiges „Problem“ hierbei ist aus meiner Sicht der fehlende Perspektivwechsel. Für Ratsuchende kann die Möglichkeit über einen Smartphone-Messenger dank mobilem Internet und Hotspots von nahezu jedem Ort aus eine Beratung in Anspruch zu nehmen ein großer Gewinn sein. Und nur weil unsereins vielleicht Schwierigkeiten hat, auf dem Display des Smartphones längere Nachrichten zu verfassen, so muss dies noch lange nicht für die Ratsuchenden gelten. Nicht zuletzt kann diese Schwierigkeit auch durch die Spracheingabefunktion des Smartphones umgangen werden und damit auch Zielgruppen einen Zugang zu einer textbasierten Beratung verschaffen, für die Schreiben eher hochschwellig ist.
Ebenso können Funktionen wie das Versenden von Bildern, Videos oder Sprachnachrichten die Möglichkeiten der Ratsuchenden, sich mitzuteilen, erweitern. Sie können so Tools verwenden, die sie häufig auch in ihrer privaten Kommunikation einsetzen und die ihnen vertraut und geläufig sind.

Für uns Beratende bedeutet dies zunächst einmal: Wir müssen uns umstellen. Wieder einmal. Nun hatten wir uns doch gerade daran gewöhnt mit Texten zu arbeiten und nun auch noch mit Bildern, Audios und Videos!? Oh Schreck! 🙂 Oder aber: Oh ja! Das könnte spannend werden!

Ich hoffe auf Letzteres und werde in den nächsten Wochen zu diesem Thema immer mal wieder etwas bloggen…

Was bringt 2020?

Für mich zunächst einmal ein paar berufliche Veränderungen. Neben der Geschäftsführung im Institut für E-Beratung (die ich ab Januar auf eine halbe Stelle reduziere) und der Tätigkeit als (Online-)Supervisorin und Trainerin für den Themenkomplex „Beratung und Digitalisierung“, werde ich in 2020 auch wieder mehr „offline“ arbeiten.

Ganz konkret bedeutet dies, dass ich freiberuflich als Dozentin für Systemische Beratung & Therapie tätig sein werde, was ich insofern spannend finde, weil es in den Seminaren, die ich übernehme, so gut wie gar nicht um „Digitales“ geht, sondern doch um ganz analoge Beratungsvorgänge. Für mich ist das eine schöne Herausforderung, da es bedeutet, dass ich mich nach vielen Onlineberatungsjahren jetzt wieder einmal ganz bewusst der face-to-face Beratung, bzw. der Vermittlung von Kompetenzen für diese, widme. Aktuell heißt das vor allem: Lesen, lesen, lesen… Ich muss mir wieder ein bisschen Wissen drauf schaffen und auch die Seminare wollen ganz anders konzipiert werden, als bei Onlineberatungsthemen, wo an irgendeiner Stelle dann ein Text und/oder Rechner zum Einsatz kommt.
Ich freue mich total darauf, mit ganz vielen tollen systemischen Kolleg*innen zusammen arbeiten zu dürfen und vor allem erstmal wieder ganz viel zu lernen (als Beisitzerin in den Weiterbildungsdurchgängen bei der WISPO)!

Eigentlich wollte ich in Sachen „Digitale Beratung“ in diesem Jahr auch in die Beratung per Video einsteigen und damit ein bisschen herumexperimentieren. Da ich Ende letzten Jahres aber nicht genügend Zeit hatte, das Ganze vernünftig vorzubereiten, schiebe ich das noch eine bisschen und hoffe im Frühjahr/Frühsommer eine Entscheidung für Software und Konzeption getroffen zu haben. Nach wie vor wird das Format Video relativ wenig genutzt, aber auch hier wird sich in den nächsten Jahres einiges bewegen, wie aktuelle Entwicklungen bei einigen Trägern vermuten lassen.

Aber – und das ist eine für mich ganz interessante Selbsterkenntnis der letzten Wochen – ich merke, dass mein Herzensthema Onlineberatung sich für mich in den letzten ein bis zwei Jahren ganz stark gewandelt hat. Schon etwas davor, als ich angefangen habe, mich intensiver mit Blended Counseling zu befassen, hat dieser Veränderungsprozess begonnen und ich habe deutlich gespürt, dass meine zweite Leidenschaft ganz sicher das „klassische“ face-to-face-Beratungsgespräch ist. Gerade die Verschmelzung/Kombination unterschiedlicher Kommunikationskanäle zur Gestaltung des Gesprächs, aber auch der Einsatz digitaler Tools in der Präsenz-Beratung faszinieren mich immer mehr. Das ist  für mich als eine, die zeitlich gesehen wohl noch zur „Pioniertruppe“ der Onlineberatung gehört, eine gute Entwicklung, weil ich nicht bei der Onlineberatung stehen geblieben bin, sondern die Möglichkeit hatte die Thematik weiter auszudifferenzieren. Und nicht zuletzt hat da das Buzzword „Digitalisierung“ seinen Anteil geleistet, weil es eben um viel mehr als „online zu beraten“ geht.

Was ich gerade lese/lesen werde (ich bekomme von dem Verlag nichts dafür, dass ich die Titel hier poste):

 

Da ich gefühlt den halben Januar im Zug verbringen werde – genug Lesestoff und Zeit! Und vielleicht auch zum Bloggen – ich geb mir Mühe 😉

Das eigene Mediennutzungsverhalten – eine Selbstreflexion

Gerade sitze ich im Zug auf dem Weg nach München. Auf den Ohren die Kopfhörer, um Musik zu hören, das Smartphone am Tisch im Lademodus und der Laptop vor der Nase, um diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Tatsächlich entsteht dieser Beitrag, da ich ein wenig ein schlechtes Gewissen habe… Den Blog habe ich in den letzten Monaten zunehmend weniger bespielt, obwohl ich sogar extra vor einiger Zeit die Domain http://www.onlinecoachingblog.net gekauft habe, um auf den ganzen Werbekram hier verzichten zu können.

Ähnliches passiert auf meinem Twitteraccount, den ich eine ganze Weile doch recht intensiv genutzt habe und als eine gewinnbringende Möglichkeit empfunden habe, um kurze Mitteilungen los zu werden, über Themen und Menschen, die mich interessieren informiert zu bleiben und die Community zu nutzen, wenn eine Frage schnell geklärt werden sollte (noch nie hatte ich so schnell fünf mögliche Seminarräume in HH, wie in den 10 Minuten nachdem ich auf twitter nach Empfehlungen gefragt hatte!). Aber auch auf twitter bin ich inzwischen weniger aktiv, lese zwar noch hier und da mit, aber verfolge nicht mehr täglich, was in meiner timeline los ist.

Gestern Abend habe ich dann einen „Creator“-Account bei Instagram eröffnet. Das nächste Social Media Tool, dass ich nun mal teste und nutze. Teil des Problems oder Teil der Lösung? Diese Frage beschäftigt mich gerade und eine Antwort wird wohl erst in den nächsten Wochen entstehen. Gleichwohl frage ich mich, ob ich einfach nach einer Weile das Interesse an der Nutzung dieser Kanäle verliere oder ob es die Folge einer Überforderung durch zu viele Kommunikationskanäle ist. Wo muss und will ich überall dabei sein und worauf kann ich gut verzichten? Wo sind „die Anderen“ und was verpasse ich, wenn ich nicht dabei bin? Und wieviel Zeit will ich mit Social Media verbringen?

Hinter allem steckt natürlich mein berufliches und persönliches Interesse an (digitaler) Kommunikation und dem, was mit den unterschiedlichen Plattformen transportiert werden kann. So erlebe ich es gerade auch als eine ganz neue Herausforderung für Instagram eine Bildsprache zu entwickeln, die Menschen dazu anregt, die Texte zu lesen, die ich unter den Bildern poste. Und ich stelle fest, dass gerade Instagram für mich auch persönlich eine Funktion hat: Es verhält sich wie ein Photoalbum, in dem ich dokumentieren kann, was ich wo gemacht habe – erstmal ohne den Anspruch, dass es jemanden anderen interessieren mag.

Immerhin hat die Hinzunahme eines weiteren Social Media Kanals auch dazu geführt, dass ich mal wieder gebloggt habe 😉 Insofern: Schauen wir mal, was sich daraus in den nächsten Wochen und Monaten ergibt. Und wer mag: Folgen kann man mir auf Instagram natürlich auch (username: emily.m.engelhardt)

12. Fachforum Onlineberatung – Programm jetzt online

Am 16./17.09.2019 ist es wieder soweit: Zum 12. Mal veranstaltet das Institut für E-Beratung gemeinsam mit der Onlineberatung der Caritas, der BKE Onlineberatung, SEXTRA (pro familia) und der DGOB die größte Tagung zur Onlineberatung im deutschsprachigen Raum.

Unter der Überschrift „Soziale Innovation braucht Onlineberatung“ wird an zwei Tagen in Nürberg in Vorträgen und Workshops diskutiert und genetzwerkt. Weil ich jeden einzelnen Workshop richtig gut und empfehlenswert finde, hier die ganze Themenübersicht:

 Außerdem gibt es in diesem Jahr vor dem Start des Fachforums am Montagmorgen einen „Einsteiger-Workshop“ für Neulinge in der Onlineberatung, der von Petra Risau und Stefan Kühne angeboten wird.

Alle Infos zum Programm, den Referent*innen und das Anmeldeformular findet man unter www.fachforum-onlineberatung.de

Also: Anmelden und dabeisein!! 🙂

Ausblick auf 2019

Das Jahr hat nur noch wenige Wochen und gefühlt begeben sich alle schon ein wenig in Winterschlaf. Ich sitze gerade im Zug nach Hannover zum „Netzwerk-Forschung“ der DGSv, das in Form eines barCamp stattfinden wird, um dort mit den anderen Teilnehmer*innen über die Nutzung digitaler Medien in der Supervision zu diskutieren. Aber danach ist auch für mich Schluss für dieses Jahr und Urlaub steht an 🙂

Bevor ich auf 2019 blicke, ein kurzer Rückblick auf das Jahr 2018. Es ist viel passiert in Sachen Digitalisierung & Mediatisierung der Beratung (Supervision und Coaching mit gedacht!). Zwei persönliche Highlights waren für mich dieses Jahr das 11. Fachforum Onlineberatung, das wir mit über 200 Teilnehmer*innen im September in Nürnberg veranstaltet haben. Und natürlich die Veröffentlichung meines Lehrbuchs Onlineberatung bei Vandenhoeck & Ruprecht im Herbst diesen Jahres.

Insgesamt nehme ich wahr, dass dieses Jahr an vielen Ecken und Enden sehr intensiv über das Thema „Digitalisierung“ diskutiert wurde. In zahlreichen Tagungen tauchte das Thema im Titel auf und in Arbeitskreisen etc. wurde das Thema aufgegriffen. Unklar ist für mich noch die Ausrichtung: Wird konstruktiv, zukunftsgerichtet und mit Offenheit gegenüber neuen Technologien diskutiert oder eher auf Defizite und mögliche Gefahren hingewiesen? Ersteres würde ich mir wünschen und das ist dann auch der Ausblick für 2019 – oder der Wunsch für das neue Jahr: Mehr mutige Ideen und das Umsetzen dieser!

Der Kalender für 2019 ist schon ganz schön voll, aber auf ein paar Veranstaltungen freue ich mich schon jetzt ganz besonders:

Wir werden zum 11. Mal unsere Weiterbildung zum*r zertifizierten Onlineberater*in anbieten. Im März startet ein Kurs und ein nächster dann im Oktober. Alle Infos dazu gibt es hier

Im April findet die Frühjahrstagung der DGSF zum Thema „Systemische Praxis und Lehre im digitalen Wandel!? – Aufgaben, Perspektiven und Chancen“ statt. Hierbei wird nun auch endlich die Frage der Qualifizierung von (systemischen) Berater*innen thematisiert.

Gespannt bin ich auch auf die zweitägige Veranstaltung in Kiel, die ich im Juni beim Paritätischen Schleswig-Holstein leiten darf und bei der sich dezidiert Führungskräfte zur Digitalisierung der Beratung in Form eines Workshops informieren (und entscheiden!) können.

Und dann steht natürlich im September (16./17.09.2019) wieder das Fachforum Onlineberatung an – das Programm hierzu sollte im Mai auf der Webseite des Instituts für E-Beratung online stehen.

Ich wünsche allen Leser*innen hier eine gesegnete Weihnachtszeit und einen guten Start in das Jahr 2019!