Archiv der Kategorie: Blended Counseling

5. Berliner B-Tag zum Thema „Digitalisiert! Chancen und Herausforderungen für die Beratung zu Bildung und Beruf“

Anfang Juli findet zum 5. Mal der sogenannte „B-Tag“ ein Weiterbildungstag für die Berliner Bildungsberater*innen in Berlin statt. Dieses Jahr wird das Thema „Digitalisierung“ im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. So wird es darum gehen in einem fachlichen Austausch miteinander die künftigen Herausforderungen für die Bildungsberatung zu diskutieren.

Ich werde in einem der beiden Workshops am Nachmittag das Thema „Blended Counseling – Beratungsform der Zukunft!?“ vorstellen und bin gespannt auf die Diskussion mit den Fachleuten aus der Bildungsberatung, die auch ihre bisherigen Erfahrungen mit einbringen können.

Die Zeitschrift „Bildungsberatung im Fokus“ aus Österreich, hat sich Anfang 2016 mit dem Thema „Bildungsberatung digital“ beschäftigt und bietet ein paar interessante Artikel, teils auch mit Erfahrungsberichten hierzu. Die Ausgabe kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Lohnt sich ein Onlineberatungsangebot für mich? 5 Tipps zur Selbstprüfung

Viele Berater*innen, Coaches oder Supervisor*innen bieten Ihre Dienstleistung auch „online“ an. Oft bedeutet dies zunächst einmal, dass der/die Anbieter*in eine eigene Website hat, auf der es eine Kontaktmöglichkeit per Mail gibt oder ein Kontaktformular, das dazu einlädt eine Nachricht zu senden. Das Netz zu nutzen, um für sich und sein Angebot zu werben gehört für beratend Tätige seit vielen Jahren zum täglichen Geschäft.

Im Gespräch mit Berater*innen, Coaches, Supervior*innen stelle ich häufig fest, dass sie auf meine Frage, ob sie denn auch ein Onlineberatungsangebot haben zunächst mit „Nein“ antworten. Wenn ich dann aber weiter frage, ob sie denn so gar keinen Kontakt per Mail mit ihren Kund*innen haben, stellt sich heraus, dass natürlich sehr wohl so einiges per Mail abgewickelt wird: Von Terminvereinbarungen über Angebotserstellungen bis hin zur Klärung von Erstanliegen ist alles dabei. Einige berichten dann auch noch davon, dass sie mit ihren Klient*innen online in Kontakt bleiben, wenn diese zum Beispiel auf Dienst- oder Auslandsreisen sind.

Steckt hinter diesem „Nein“ also mangelndes Bewusstsein für das, was man tut? Oder ist es eine Art Understatement, weil das ja „keine richtige Beratung/kein richtiges Coaching“ ist?

Ich möchte die vielen beratend Tätigen, die inzwischen auch online arbeiten, dies aber nicht offensiv so benennen bzw. bewerben, dazu ermutigen, ihr Angebot noch einmal bewusst zu prüfen und das Potential der Nutzung weiterer Kommunikationskanäle für ihre Arbeit zu nutzen.

Folgende fünf Fragen können dabei helfen zu prüfen, ob es sich lohnen würde, ein eigenes Onlineberatungsangebot zu starten:

1. Nehmen meine Kund*innen bislang vorwiegend „online“ Kontakt zu mir auf?
Wenn Sie bislang Anfragen für ein Beratungsgespräch/ein Coaching/eine Supervision meistens per Mail bekommen findet man Sie scheinbar gut im Netz. Ihre Web-Präsenz spricht ihre potentiellen Kund*innen an und lädt sie dazu ein, sich bei Ihnen schriftlich zu melden.

2. Bediene ich eine Zielgruppe die internetaffin ist?
Überlegen Sie mal, wen Sie beraten bzw. wer Ihre Kund*innen sind. Haben Sie es häufig mit Personen zu tun, die beruflich bedingt viel online kommunizieren? Gibt es Personen, die von sich sagen, dass sie gerne schreiben? Wird vor, nach oder gar während einer Sitzung das Smartphone gezückt? Prüfen Sie einmal, wie internetaffin Ihre Kundschaft ist.

3. Wie internetaffin bin ich?
Natürlich kommt es auch darauf an, ob Sie selbst gerne das Netz nutzen, um zu kommunizieren, sich zu informieren und Gedanken und Ideen zu teilen. Vielleicht lesen Sie regelmäßig bestimmte Blogs oder Foren. Kommentieren Sie dort auch und werden sichtbar? Eine gute Voraussetzung, um potentielle Kund*innen auf Sie aufmerksam zu machen oder interessante berufliche (Online-)Netzwerke zu gründen!

4. Wie könnte ich Beratungsprozesse neu strukturieren?
Hier kommt das Thema „Blended Counseling“ ins Spiel. Der Einsatz unterschiedlicher Medien – ob analog (mit Systembrett oder Flipchart in der Praxis) oder digital (per Onlineberatung) – ermöglicht Ihnen Beratungsprozesse neu zu gestalten. Hierbei geht es vor allem um die Frage: Was ist nützlich für meine Kundschaft und den Prozess? Durch den Wechsel medial unterstützter unterschiedlicher Beratungssettings kann nicht nur neuer „Schwung“ in den Beratungsprozess kommen, es ermöglicht Ihnen auch Ihre Zeit neu (und effektiver) zu organisieren und zu planen.

5. Bin ich bereit zu investieren?
Natürlich kostet das Ganze auch etwas. Zunächst einmal Zeit, um Konzepte zu entwickeln, sich fortzubilden und Marketing zu betreiben. Denn ganz von allein werden Sie dann doch nicht gefunden. Und Sie brauchen eine vernünftige Software, denn eine Beratung über gängige Mailprogramme oder Tools wie Skype bringt Sie rechtlich in Schwierigkeiten, wenn Sie zu den Berufsgruppen gehören, die sich an die Verschwiegenheitspflicht (§203 StGB) halten müssen.  Es macht aber auch deshalb Sinn in eine spezielle Onlineberatungssoftware zu investieren, weil sie in der Regel komfortabler zu bedienen ist.

Ein Onlineberatungsangebot lohnt sich also nicht in erster Linie, um damit viel Geld zu verdienen. Es kann Ihnen aber neue Zielgruppen erschließen, den vorhandenen Kund*innen eine willkommene Ergänzung/Alternative sein und Sie auf dem Markt interessant(er) machen, da Sie ein zusätzliches und nachgefragtes Angebot schaffen.

 

Neuer Artikel, neues Projekt, neuer Weiterbildungsdurchgang…

Dieses Jahr war zugegebenermaßen ein etwas blogfaules Jahr. Drum gibt es jetzt auch wieder etwas komprimierte News in einem Beitrag.

Wer für die Feiertage noch etwas zum Lesen sucht: Die neue Ausgabe der „Resonanzen“ dem E-Journal für biopsychosoziale Dialoge in Psychotherapie, Beratung und Supervision beschäftigt sich mit dem Thema „Neue Medien – Neue Wege in Psychotherapie, Beratung und Supervision„. Für diese Ausgabe habe ich gemeinsam mit Prof. Richard Reindl einen Artikel zum Thema „Blended Counseling – Beratungsform der Zukunft“ beintragen dürfen. Der Artikel ist, mit anderen spannenden Beirtägen zum Thema, online kostenlos abruf- und lesbar.

Nachdem wir lange für das Projekt gekämpft haben, gibt es nun endlich eine Förderung vom Bayrischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege! Am Institut für E-Beratung beschäftigen wir uns die nächsten gut anderthalb Jahre mit der Konzeption und Entwicklung eines Onlineberatungsportals für pflegende Angehörige. Online-Support für pflegende Angehörige (OSpA) verbindet professionelle Unterstützung mit ehrenamtlichem Engagement.

Ministerin Humml äußert sich zu dem Projekt hier
Eine ausführliche Projektbeschreibung und die Möglichkeit die Entwicklung des Projekts mitzuverfolgen gibt es hier

2017 startet ein neues Fort- und Weiterbildungsjahr! Es gibt nur noch zwei (!!) freie Plätze im nächsten Durchgang des „Hochschulzertifikats Onlineberatung“. Alle Infos und Anmeldung zu der Weiterbildung zum Onlineberater/zur Onlineberaterin, die mit einem Zertifikat der Technischen Hochschule Nürnberg – Georg Simon Ohm abschließt, gibt es hier

Allen Leser*innen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in ein gesundes und zufriedenes Jahr 2017!

Anmeldung zum DGSF-Fachtag „Onlinekommunikation in Beratung und Supervision“ ab sofort möglich

Ab sofort ist die Anmeldung für den im letzten Beitrag bereits angekündigten Fachtag des Instituts für E-Beratung in Kooperation mit der Fachgruppe Onlineberatung der DGSF möglich.

Hier der Ausschreibungstext und weitere Infos:

Onlinekommunikation in Beratung und Supervision

Der Fachtag ‚Onlinekommunikation in Beratung und Supervision‘ beleuchtet die Möglichkeiten des Einsatzes von internetgestützten Kommunikationsmitteln zur Anbahnung und Gestaltung von Beratungs-/Supervisionsprozessen. Die Teilnehmenden erfahren welche Implikationen sich aus dem ‚Wandel der Beratung‘ für BeraterInnen und SupervisorInnen ergeben und erhalten konkrete Anregungen zum Einsatz von internetgestützter Kommunikation. In kurzen Vorträgen und Praxis-Workshops lernen die Teilnehmenden die Chancen und Grenzen internetgestützter Kommunikation im Kontext von Beratung und Supervision kennen.

Der Fachtag wird in Kooperation mit der Fachgruppe Onlineberatung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. v. (DGSF) durchgeführt. Das Institut für E-Beratung wird im Rahmen des Fachtags u. a. Ergebnisse des Forschungsprojekts zum Thema „Online-Supervision“ vorstellen.

Referenten u. a.:

  • Prof. Dr. Richard Reindl (Akademischer Leiter des Instituts)
  • Emily Engelhardt (Geschäftsführerin des Instituts)
  • Dr. Joachim Wenzel (Sprecher der DGSF-Fachgruppe Onlineberatung)

Zielgruppe: Der Fachtag richtet sich an Berater/innen und Supervisoren/innen, die an einer internetgestützten Kontaktaufnahme, Beratung und/oder Supervision interessiert sind bzw. planen oder bereits ein Onlineangebot nutzen
Zeit: Montag, 4. April 2016, 10:00 – 17:00 Uhr
Ort: Caritasverband Frankfurt, Alte Mainzer Gasse 10, 60311 Frankfurt
Anreisebeschreibung: Anreiseinformationen als PDF-Dokument
Teilnahmegebühr: 110 €; für Mitglieder der DGSF: 90 €
Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen

Die Anmeldung ist möglich bis zum 03.03.2016.

(Quelle: https://www.e-beratungsinstitut.de/fort-und-weiterbildung/onlinekommunikation-fachtag/ )

Und hier geht’s zur Anmeldemaske

 

Artikel zur Online-Supervision im JOURNAL SUPERVISION

Im vergangenen Jahr wurde ich von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) dazu eingeladen, einen kleinen Überblicksartikel zum Thema „Online-Supervision“ für das „JOURNAL SUPERVISION“ zu schreiben. Der Artikel ist im Dezember 2013 erschienen und mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber, darf ich ihn meinen Leser_innen auch hier zur Verfügung stellen. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Artikel.

Ein Überblick über den aktuellen Stand der Online-Supervision, ihren besonderen Charakter und Entwicklungsaufgaben für die Zukunft (erschienen in: JOURNAL SUPERVISION 4/2013)

Text: Emily Engelhardt

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und Mediatisierung unserer Gesellschaft müssen sich Supervisor/innen Gedanken darüber machen, in welchem Setting und mit welchen Methoden sie ihr Supervisionsangebot gestalten. An einer Auseinandersetzung mit Onlineberatung kommen sie dabei nicht vorbei. Im alltäglichen Gebrauch finden sich für dieses Format unzählige Begriffe: Von „Internetberatung“ über „digitale Beratung“, „computergestützte Beratung“ oder „E-Beratung“ bis hin zu den im englischsprachigen Raum gängigen „E-Counseling“ oder „Distance Counseling“. Allen gemein ist, dass sie sich für den Akt der Beratung der Infrastruktur des Internets bedienen. Wenn hier von Onlineberatung gesprochen wird, ist eine Form der Beratung gemeint, wie sie von der Kommission Fortbildung Online-Beratung (KFOB) der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) im Jahr 2003 sehr treffend beschrieben wurde:

„Psychologische Online-Beratung ist eine aktive, helfende Begegnung resp. Beziehung zwischen einem/einer Ratsuchenden und einer/einem psychologischen BeraterIn. Sie findet virtuell im Internet mittels dessen spezifischer Kommunikationsformen (E-Mail, Chat, Forum etc.) statt, wobei die KlientInnen Ort und Zeitpunkt der Problemformulierungen selber bestimmen. Sie hat zum Ziel, bei den KlientInnen kognitiv-emotionale Lernprozesse anzuregen, damit die Selbststeuerungs- und Handlungsfähigkeit wieder erlangt oder verbessert werden kann. Psychologische Online-BeraterInnen stützen ihre Beratung auf anerkannte psychologisch-beraterische Methoden und halten sich an medienspezifisch erweiterte berufsethische Standards (Schweigepflicht, Datenschutz, Erkennbarkeit der Beraterpersönlichkeit, u.a.).“ (KFOB, 2003)

In Hinblick auf Online-Supervision besteht noch großer Entwicklungsbedarf auf konzeptioneller und qualitativer Ebene (Höllriegel, 2013). Wie in den Anfängen der Onlineberatungspraxis wird hier meist Folgendes getan: Bewährte Beratungskonzepte aus der klassischen Supervision werden in das Online-Setting übertragen und – mal mehr, mal weniger – eins zu eins übersetzt. So dient momentan noch die face-to-face Supervision als Referenzmodell für die Online-Supervision.

Onlineberatung ist anders
Die Vorteile der Onlineberatung liegen auf der Hand: Da ist zunächst die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit des Zugangs zu Onlineberatungsangeboten. Klient/innen können ihre Anliegen in dem Moment formulieren und abschicken, in dem es ihnen „unter den Nägeln brennt“. Wartezeiten werden verringert bzw. fallen teilweise ganz weg. Durch die Möglichkeit eines anonymen Kontaktes wird die Schwelle zum Beratungsangebot nochmals gesenkt. Was oft als Nachteil für die Beratenden ausgelegt wird, nämlich der Wegfall von visuellen Reizen (Gestik, Mimik, Stimme etc.), ist durchaus ein Vorteil: für die Ratsuchenden, da sie besonders bei schambesetzten Themen keine Stigmatisierung befürchten müssen; und für die Beratenden, weil sie sich nicht von äußeren Reizen ablenken lassen, sondern auf den Text fokussieren (Vgl. Höllriegel, 2013, 5). Gleichwohl steckt in dieser Reduzierung der Kanäle eine besondere Herausforderung für Onlineberatende. Sie müssen über die Fähigkeit verfügen, Texte entsprechend „entschlüsseln“ zu können und ggf. auch „zwischen den Zeilen“ zu lesen.

Je nachdem in welchem Onlinesetting die Beratung stattfindet, sind wiederum spezifische Merkmale erkennbar. Etabliert haben sich inzwischen die Formen E-Mail-Beratung[1], Forenberatung (vgl. Brunner, Engelhardt, Heider, 2009) und Chatberatung. Hierbei ist schon die erste Differenzierung vorzunehmen: E-Mail- und Forenberatung finden asynchron statt, bei der Chatberatung ist der Kontakt zwischen Berater und Klient unmittelbarer und findet synchron vermittelt statt.
Neuere Entwicklungen in der Onlineberatung setzen stärker auf die Nutzung mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets), so dass künftig eher von einem „Beratungsstream“ oder dem „Coach in der Hosentasche“ zu sprechen sein wird.

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass Onlineberatung durch die Kanalreduktion kühl und distanziert sei. Dieser Umstand bringe eine „Ent-Sinnlichung“, „Ent-Emotionalisierung“ und „Ent-Menschlichung“ mit sich (Vgl. Döring, 1997). Die virtuelle Kommunikation bietet aber ein großes Spektrum an „Ausdruckskreativität“ – und es liegt an der Kompetenz der Beratenden, einen virtuellen Beziehungsaufbau so zu gestalten, dass sich die Kund/innen angenommen und gut aufgehoben fühlen.

Online-Superversion: Schreiben als reflexives Moment
Eine Supervision, die online stattfindet, bietet viele der bereits für Onlineberatung genannten Vorteile. Dass Schreiben an sich schon ein strukturierendes und reflexives Moment ist, liegt auf der Hand.
Die Schreibenden sind dazu angehalten ihre Worte genau zu wählen, um auszudrücken, was sie übermitteln möchten. Sie können nochmals nachlesen, was sie geschrieben haben, ergänzen, verändern, korrigieren, erweitern.
Im Gegensatz zur unmittelbar stattfindenden face-to-face Supervision, ergibt sich bei der
Online-Supervision automatisch ein Prozess der Entschleunigung (zumindest in asynchronen Beratungssettings). Im Sinne einer lösungsorientierten Beratungshaltung, bei der „das Wesentliche zwischen den Sitzungen geschieht“, ermöglicht Online-Supervision eben diese Erfahrung: Der Reflexionsprozess findet nicht wie bisher zwischen den Supervisionsterminen, sondern im Prozess des Schreibens und Überdenkens seinen Ausdruck. (Vgl. Koch, 2009, 6, Goebel-Krayer, 2007, 4)
Die Supervisanden sind stärker aufgerufen sich mit (der Beschreibung) ihrer beruflichen Situation und den damit verknüpften Frage- oder Problemstellungen zu befassen. Sie müssen wesentlich expliziter benennen, was ihr eigentliches Anliegen an die Supervision ist und beantworten sich – so ist anzunehmen – im Schreiben bereits viele Fragen selbst.

Supervision via E-Mail
Der einfachste Einstieg in die Online-Supervision ist für beide Seiten (Supervisor/in und Supervisand/in) sicherlich die Supervision via E-Mail. Durch die zeitliche Entzerrung des Kontaktes (im Gegensatz zum synchron verlaufenden Chat) haben Supervisor/in und Supervisand/in genügend Zeit ihre Texte zu bearbeiten – und in der Fassung zu versenden, die ihnen am besten zusagt.

Nach Goebel-Krayer „…sind E-Mails im Kontext von Supervision für sich genommen Erzählungen oder Beschreibungen vom beruflichen Alltag. Es sind hochgradige Verdichtungen sozialer Wirklichkeit, in denen SupervisandInnen ihre Perspektive der Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten, der Institution, in der sie arbeiten, und ihrer Rolle darin darstellen.“ (Goebel-Krayer, ebd., 3)

Praktisch gestaltet sich die Supervision via E-Mail folgendermaßen: Supervisor/in und Supervisand/in vereinbaren im Vorfeld des eigentlichen Supervisionsprozesses im Live-Kontakt, telefonisch oder ebenfalls schriftlich via Mail miteinander die Modalitäten des Supervisionsprozesses. Letztlich handelt es sich hierbei um die Aushandlung eines organisatorischen Kontraktes. Die ersten Mailkontakte sind dann entsprechend unterschiedlich stark geprägt durch Aushandlungsprozesse zur Bildung der gemeinsamen Arbeitsgrundlage bzw. durch die inhaltliche Arbeit am Thema.
Es zeigt sich – wie auch in den face-to-face-Supervisionsprozessen –, dass eine immer wiederkehrende Auftragsklärung notwendig ist, da „…sich häufig Themen verändern, verschieben oder auflösen und dann wieder das Anliegen geklärt werden muss.“ (Koch, ebd., 2).

Supervision via Chat
Grundsätzlich herausfordernder stellt sich die Supervision im quasi-synchron verlaufenden Chat dar. Die Schreibgeschwindigkeit ist naturgemäß im Chat recht hoch, so dass der Reflexionsprozess eine andere Dynamik bekommt. Der/die Supervisor/in ist hier im Sinne der Prozessverantwortung dazu angehalten, das Tempo des Chats genau zu prüfen und ggf. anzupassen oder mit dem/der Kunden/Kundin zu besprechen, wie ein angemessenes Schreibtempo eingehalten werden kann. Zu den Besonderheiten der Beratung im Chat finden sich bei Hintenberger (2006) ausführliche Hinweise. Höllriegel (ebd.) weist zudem auch auf Grenzen der Supervision im Chat hin. Ganz grundsätzlich gilt für beide Formate der Online-Supervision, dass zwar die Anliegen schneller auf den Punkt gebracht werden. Es ist nach Koch aber dennoch „…ein Irrtum zu meinen, Online-Coaching sei eine schnelle Beratung. […] Online-Coaching eignet sich nach meiner Erfahrung vor allem für persönliche Klärungsprozesse, die auch ihre eigene Zeit brauchen.“ (Koch, ebd., 8)

Die speziellen Kompetenzen eines Online-Supervisors
Gute „face-to-face“-Supervisor/innen sind nicht automatisch auch gute Online-Supervisor/innen. Die Kompetenzen, die ein/e Supervisor/in in der Online-Supervision aufweisen muss, unterscheiden sich in vielen Punkten von denen, die er/sie in klassischen Supervisionssettings einbringen muss. Das methodische Vorgehen lässt sich nicht einfach eins-zu-eins in das virtuelle Beratungssetting übertragen. Wenngleich natürlich die Elemente wie Auftragsklärung und Lösungsentwicklung auch in der Online-Supervision eine wesentliche Rolle spielen, so laufen sie doch verändert ab und bedürfen einer Modifikation wenn nicht gar Neuentwicklung. Grundsätzlich sollten Online-Supervisor/innen vor allem über Schreib- und Lesekompetenz verfügen und sich sowohl mit den technischen Gegebenheiten, als auch mit den Besonderheiten computervermittelter Kommunikation vertraut fühlen (Vgl. Höllriegel, ebd., Knatz, 2006a). Nicht zuletzt deshalb ist es notwendig, dass Supervisor/innen, die Online-Supervision anbieten, eine Qualifizierung in Onlineberatung besitzen. Allzu oft wird noch davon ausgegangen, dass die Kompetenzen, die im Rahmen einer allgemeinen Supervisionsausbildung erworben werden, ausreichen, um auch eine qualifizierte Online-Supervision anzubieten. Noch gibt es keine einheitlichen Ausbildungen für die Onlineberatung geschweige denn Online-Supervision, jedoch konnten sich in den vergangen Jahren die großen Träger der Onlineberatung auf ein gemeinsames Curriculum und damit verbundene Standards für die Ausbildung einigen, die den Maßgaben der Deutschen Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) entsprechen (vgl. auch Kühne, 2012). Grundsätzlich vermittelt werden in der Ausbildung Kenntnisse:
– zur Onlinekommunikation (Grundlagen computervermittelter Kommunikation, Mediensprache, virtuelle Gruppendynamik)
– zur Onlineberatung im Speziellen (z. B. theoretische Konzepte internetbasierter Beratung, Kenntnisse zur Gestaltung eines virtuellen Beratungsprozesses)
– zu rechtlichen und organisatorischen Bedingungen (z. B. Technik, Datenschutz) (vgl. Curriculum Online-Beratung, 2011)

Die Zukunft: On- und Offlineberatung mischen
Durch nahezu alle Alters- und Zielgruppen für Supervision vollzieht sich eine stärkere Mediatisierung der Kommunikationsmuster. Supervisor/innen müssen deshalb ein Verständnis dafür entwickeln, dass die Kund/innen bewusst den Weg über die Online-Supervision wählen, um eine Unterstützung in in Anspruch zu nehmen.
Für die Supervisionsausbildung bedeutet dies künftig auch die Integration von Qualifikationsbausteinen in Online-Supervision in die bestehenden Weiterbildungsformate. Denn den Fachverbänden für Supervision muss klar sein, dass Supervisor/innen auch jetzt schon Online-Supervision anbieten – häufig ohne die dafür notwendige Zusatzqualifikation. Um ein Angebot sicher zu stellen, das den Anforderungen der zertifizierenden Dachverbände für Supervision entspricht, wird die Umsetzung entsprechender Qualifikationsmöglichkeiten notwendig sein.

Gleichwohl geht es nicht darum, nun „alles online“ zu machen. Eine Perspektive für die Online-Supervision lautet daher: Blended Counseling. Gemeint ist hiermit „…eine Mischform aus Offline- und Onlineberatung, die im Beratungsprozess Anteile der Onlineberatung und Anteile der Face-to-Face-Beratung systematisch miteinander verbindet.“ (Weiß, 2011, 14)
Die Verknüpfung von klassischen face-to-face Supervisonsprozessen mit virtuellen Supervisionsanteilen schafft einen Mehrwert für Supervisand/innen (und Supervior/innen). Neben der höheren Flexibilisierung der Beratung, die besonders für zeitlich stark beanspruchte Kund/innen relevant ist, schafft die Verknüpfung von Online- und Offline-Supervisonsanteilen auch eine besondere Form der Reflexion. Die Dokumentation des Prozesses stellt für die Supervisand/innen einen besonderen Gewinn dar (die Mails und/oder Chatprotokolle bleiben auch im Anschluss an den Supervisionskontakt bestehen, was auch im Sinne der Qualitätssicherung einen wichtigen Aspekt darstellt (vgl. Höllriegel, ebd. 18)): Sie können auch im Anschluss noch einmal zu den Texten zurückkehren, sie neu lesen, neu überdenken und für sich interpretieren und reflektieren. Es werden neue Beschreibungen gefunden und neue Interpretationsmöglichkeiten geschaffen.

Emily Engelhardt ist Geschäftsführerin des Instituts für E-Beratung, TH Nürnberg, Systemische Supervisorin (SG) und Systemische Beraterin (SG) (www.der-dreh.net), Onlineberaterin und Ausbilderin (DGOB).  Arbeitsschwerpunkte: Online-Supervision, Wirksamkeitsforschung, Blended Counseling.

Literatur
Brunner, Engelhardt, Heider (2009): Forenberatung. In: Hintenberger, Gerhard/ Kühne, Stefan: Handbuch Onlineberatung
Curriculum Online-Beratung (2011) [unveröffentlichtes Papier der Trägerkonferenz Onlineberatung, Nürnberg]
Döring, N.(1997): Kommunikation im Internet. Neun theoretische Ansätze. In: B. Batinic: Internet für Psychologen
Kühne, S. (2012): Qualitätsmanagement in der psychosozialen Onlineberatung, Masterarbeit
Weiß, S. (2011): Blended Counseling: Aspekte zur Integration psychosozialer Offline- und Onlineberatung, unveröffentlichte Masterarbeit

Zeitschriften
Goebel-Krayer, E. (2007): Narrative E-Mail-Supervision. In: e-beratungsjournal,  3. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Hintenberger, G. (2006): *taschentuchreich* – Überlegungen zur Methodik der Chatberatung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 2
Höllriegel, K. (2013): Online-Supervision – Potentiale und Restriktionen. In: e-beratungsjournal, 9. Jahrgang, Heft 1, Artikel 2
Knatz, B. (2006a): Qualitätsstandards für die Online-Beratung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 1, Artikel 5
Knatz, B. (2006b): Methodische Konzepte der TelefonSeelsorge im Internet. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Koch, B. (2009): Ist Online-Coaching „richtiges“ Coaching?, In: e-beratungsjournal, 5. Jahrgang, Heft 1, Artikel 6

Websites
www.dgsv.de/supervision/ [zuletzt gelesen am 20.12.2012]
www.ifs-essen.de/uploads/media/Aufsatz_von_Bernd_Reiners_Supervision_von_Online-Beratung.pdf , S. 13f [zuletzt gelesen am 09.01.2013]
http://www.psychologie.ch/de/publikationen/dokumentation/reglemente/kompetenz_online.html [zuletzt gelesen am 21.12.2012]


[1] Gemeint ist hier die webgestützte Einzelberatung die häufig als E-Mail-Beratung bezeichnet wird, bei der aber die Daten auf einem Server gespeichert werden und nicht wie bei einer normalen E-Mail über mehrere Server verschickt werden. Bei einer seriösen E-Mail-Beratung handelt es sich immer um eine SSL-verschlüsselte Variante, die den aktuellen Sicherheitsbestimmungen des Datenschutzes entspricht.

Nachlese vom 6. Fachforum Onlineberatung in Nürnberg, Teil 1

Am 23. und 24. September fand an der TH Nürnberg das jährliche „Fachforum Onlineberatung“ zu sechsten Mal statt. Als wir vor gut sechs Jahren diese Tagung als relativ kleine Veranstaltung ins Leben gerufen haben, lautete die Marschroute „mal schauen was draus wird“. Dass sich diese Veranstaltung zur größten Tagung zum Thema Onlineberatung entwickeln würde, haben wir uns damals noch nicht ausgemalt.

Ich finde es spannend zu beobachten, was sich in den letzten Jahren getan hat und und wieviel gleichzeitig noch zu tun ist. Es gibt viele tolle Innovationen, sei es technischer (Softwareentwicklungen) oder konzeptionell-methodischer Art. Ich selbst hatte das Vergnügen, ein Forum zum Thema „Blended Counseling“ zu moderieren, inkl. Live-Zuschaltung von Tilman Pritzens aus Berlin, der von seiner Arbeit berichtete. Außerdem gaben vor Ort Wilfried Jahn von der Online-Schuldnerberatung Berlin des Deutschen Caritasverband, Martina Korn von HPE aus Österreich und Petra Schyma von der Onlineberatung von donum vitae e. V. spannende Einblicke in ihre Arbeit. Die vollständige Tagungsdokumentation wird in einigen Tagen zum Download hier bereitstehen.

Blended Counseling“ meint nichts anderes als die systematische Verknüpfung von unterschiedlichen Beratungssettings (Telefon, face-to-face und online). In vielen psychosozialen Beratungseinrichtungen wurde (und wird auch noch) Onlineberatung häufig noch neben der „klassischen“ face-to-face-Beratung  angeboten. Sozusagen als ein Zusatzangebot, das aber abgekoppelt von den anderen Beratungsangeboten stattfindet.

Je mehr sich aber die Onlineberatung in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden und vor allem gleichwertigen Beratungsformat entwickelt hat, desto mehr beginnen auch die Einrichtungen ihr beraterisches Handeln zu überdenken und die Onlineberatung in die Konzeption zu integrieren. Es entwickelt sich ein Verständnis dafür, dass eine professionell gestaltete Verzahnung von On- und Offline-Beratung für den Beratungsprozess gewinnbringend ist. So können Wartezeiten „online“ überbrückt, niedrigschwellige Einstiege bei schwierigen Problemlagen online beginnen und bei Bedarf face-to-face fortgesetzt oder schlicht und einfach flexiblere Beratungsangebote gestaltet werden.

Für die Beratenden bedeutet dies nichts anderes, als ihre Prozessverantwortung weiter zu denken: Wo liegen mögliche Implikationen für einen Settingwechsel? Wie gestalte ich diesen? Was ist hinsichtlich des Datenschutzes zu beachten?
„Nichts anderes“? Nun ja, es bedarf hier doch tiefergehender Überlegungen und auch einiger konzeptioneller Neustrukturierungen – teils auch über die eigenen Trägergrenzen hinaus, was nach wie vor schwierig ist, da Beratung oft an kommunale Geldtöpfe gebunden ist.

Ganz unabhängig davon bleibt für mich vor allem ein Satz, der im Laufe unserer Diskussion fiel in Erinnerung: „Unsere Klient/innen entscheiden, auf welchem Weg (on/offline) sie unsere Unterstützung in Anspruch nehmen möchten“. Einfach aber wahr.