Archiv der Kategorie: Blended Counseling

Nachlese vom 11. Fachforum Onlineberatung

Gestern endete das 11. Fachforum Onlineberatung und in diesem Jahr blicken wir auf die bislang größte Tagung zur Onlineberatung in Nürnberg zurück. Mehr als 200 Teilnehmer*innen als ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Dänemark haben an zwei Tagen in Vorträgen und Workshops rund um das Thema „Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung“ Neues erfahren, diskutiert und Impulse gesetzt.

Der Eröffnungsvortrag von Prof.’in Nadia Kutscher von der Universität zu Köln führte in „Befunde und Entwicklungen“ zur Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung ein. Wissenschaftlich fundiert, anschaulich und nachdrücklich lieferte Nadia Kutscher einen Überblick über wichtige Entwicklungen, Auswirkungen von Big Data und wies auf wichtige datenschutzrechtliche aber auch ethische Fragestellungen für Onlineberater*innen aber auch in der Sozialen Arbeit Tätige ganz allgemein hin. Wie gehen wir künftig zum Beispiel mit der Möglichkeit um, dass wir über unsere Klient*innen weitaus mehr Informationen erhalten können, indem wir eine Netzrecherche durchführen? Und was bedeutet es für Berater*innen und ihre Klient*innen, wenn über ungeschützte digitale Kommunikationswege vertrauliche Inhalte ausgetauscht werden? In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal auf den wirklich sehenswerten Beitrag der Sendung Quarks und Co. zum Thema „Die Macht der Daten“ hingewiesen, den auch Nadia Kutscher in ihrem Vortrag nachdrücklich empfohlen hat.

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Foto einer Folie aus dem Vortrag von Nadia Kutscher zum Thema Big Data und seine Folgen.

Sehr eindrücklich appellierte Nadia Kutscher außerdem dafür, dass sich Onlineberater*innen als Pionier*innen der und Expert*innen für Digitalisierung in den aktuellen Diskurs einbringen sollen!

Im Anschluss wurde in sechs unterschiedlichen Workshops zu Themen wie DSGVO, Traumatherapeutische Interventionen und Cross-medialer Beratung diskutiert und informiert. Die Dokumentation der gesamten Tagung und damit auch der Workshops, werden wir in den nächsten Wochen auf www.fachforum-onlineberatung.de zum Download zur Verfügung stellen, soweit uns die Referent*innen ihre Unterlagen zur Verfügung stellen.

Ich habe einen Workshop zum Thema ‚gute‘ E-Mailberatung angeboten, in dem sich erfahrene Onlineberater*innen und Neulinge mit verschiedenen Methoden und Technik vertraut gemacht haben. Deutlich wurde: Einen Text mit unterschiedlichen Lesarten zu bearbeiten, wie es Alex Brunner in seinem Artikel zum „Digitalen Lesen und Schreiben“ in der Onlineberatung beschreibt, eröffnet Berater*innen neue Zugänge zur Mailberatung.

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Foto einer Pinnwand mit Kartensammlung der Teilnehmer*innen zur Frage welche Methoden der Mailberatung sie bereits kennen und anwenden.

In den Pausen gab es genügend (?) Zeit zum Austauschen und Netzwerken. Neben Ausstellungen von Onlineberatungsanbieter*innen, Softwareanbietern und einem Büchertisch, der aktuelle Literatur zur Onlineberatung bereit hielt, gab es einen ThinkTank, in dem die Teilnehmer*innen interaktiv ihre Erfahrungen mit Onlineberatungssoftware (mit)teilen konnten. Die Ergebnisse werden wir ebenfalls in Kürze online stellen.

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Foto von zwei Tafeln mit Fragen zum Ist-Zustand der Softwarenutzung und Sammlung von künftigen Wünschen an die Onlineberatungssoftware.

Den Abschlussvortrag hielt Jona Höldere aus Berlin, der sich mit der Frage beschäftigte, wie wir neue Zielgruppen in der Onlineberatung erreichen können. Hölderle machte darauf aufmerksam, dass die Onlineberatung oftmals nur von Menschen genutzt wird, die ohnehin in der Lage sind, sich nach Hilfsmöglichkeiten im Netz umzusehen und dann gezielt nach diesen nutzen (s. auch Joachim Wenzel 2013). Ein viel größerer Teil, der aber eigentlich dringend die Hilfe benötigen würde, findet die Angebote gar nicht erst, da die Suchkriterien der Nutzer*innen ganz andere sind, als die gebotenen Andockpunkte der Onlineberatungsanbieter.

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Foto einer Folie aus dem Vortrag von Jona Hölderle zum Thema Conversion-Trichter.

Deutlich wurde, dass die Soziale Arbeit/Beratung sich intensiver mit der Frage beschäftigen muss, wie bedürftige Zielgruppen besser erreicht werden können. Ein paar Anhaltspunkte lieferte Hölderle in seinem Vortrag – gleichwohl wird vor allem die Ressourcenfrage für Einrichtungen der Sozialen Arbeit hierbei eine wesentliche Rolle spielen.

Drumherum: Während des Fachforums wurde auch ein bisschen getwittert – unter dem Hashtag #ffob18 🙂

Das nächste Fachforum Onlineberatung findet am 16./17. September 2019 in Nürnberg statt.

Digitale Transformation – Auswirkungen auf die Beratung und Supervision?

Onlineberatung ist ja keine ganz so neue Sache mehr. 1995 begann die Telefonseelsorge damals als erste Anbieter für psychosoziale Beratung, sein Angebot auch ins Internet auszuweiten. Es erscheint logisch, dass ausgerechnet die Telefonseelsorge hier Vorreiter in der Beratungslandschaft war – sind sie es doch schon lange gewohnt gewesen, mit Ratsuchenden über räumliche Distanz hinweg in Kontakt zu kommen.

Inzwischen ist es aber immer wichtige geworden, den Blick zu weiten: Wenn wir in der Sozialen Arbeit von digitaler Transformation sprechen (diese Bezeichnung finde ich treffender als „nur“ Digitalisierung zu verwenden), geht es aber inzwischen um viel mehr, als Beratung online anzubieten. So beschäftigen sich viele Organisationen derzeit mit dem Wandel, der in den nächsten Jahren auf sie zukommen wird. Die Flexibilisierung von Arbeitsmodellen und Führung (’new work‘) gehört genauso hierzu, wie die Transformation von Arbeitsfeldern und Aufgaben in der Sozialen Arbeit.

Doch noch einmal zurück zur Beratung: Auch die Onlineberatung befindet sich in einem Wandel und das 11. Fachforum Onlineberatung wird sich daher genau mit dieser Frage beschäftigen: Was bedeutet der digitale Wandel für die Onlineberatung? Nach den ersten Jahren, in denen Onlineberatung vor allem als ein Zusatzangebot zur „normalen“ Beratung verstanden wurde, findet heute häufiger eine Integration der Onlineberatung in die face-to-face-Beratung statt. Es geht eher um einen Medienmix in Form von ‚Blended Couneling‘ als darum, zwei Beratungsformate (oder Settings?) gegenüber zu stellen.

„Die grundlegende Frage lautet: Wie können wir durch den digitalen Wandel hindurch dem professionellen Anspruch der Berater/innen gerecht werden und zugleich die eigenen Beratungsangebote auf dem Markt behaupten?“ (Fietze, B. & Möller, H., 2018, o. S.)

Und damit sprechen die beiden Autorinnen einen ganz wesentlichen Punkt an: Professionalisierung der Beratung in einem digitalen Zeitalter! Auffällig finde ich nach wie vor, dass der Fokus der Diskussionen weniger auf der Entwicklung von Möglichkeiten (und Professionalität!) liegt, sondern vielmehr in der Betonung von Defiziten, die digitale Beratungssettings mit sich bringen. Es erfolgt nach wie vor die Gegenüberstellung von face-to-face und Onlineberatung (bzw. Online-Coaching oder Online-Supervision). So beschreibt es auch Martens-Schmid (2018) in ihrem Beitrag zum Thema „Hier ist dort – Coaching auf dem Weg in virtuelle Beratungswelten“, in dem sie die Bedeutung der Ko-Präsenz von Klient*in und Coach beschreibt:

„Der Klient übernimmt die Regie für die Entwicklung seines Selbst. Der Coach gerät in Gefahr, in seiner auf den Klienten abgestimmten Arbeit daran zum bloßen Dienstleister zu werden. Das klingt zwar nach eigentlich doch schätzenswerter Eigenverantwortung des Klienten. Die unmittelbare Begegnung zwischen Coach und Klient als „ganzer Personen“ in einer professionellen Beziehung auf Zeit, die Auseinandersetzung mit einem physisch und psychisch präsenten Gegenüber, die nach heutigem Verständnis den Kern professionellen Coachings ausmacht, – sie gerät darin aus dem Blick.“ (Martens-Schmid, 2018, o. S.)

Diese Sichtweise, die vor allem darauf basiert, das bisherige Coachingverständnis einem möglicherweise neuem und anderen Verständnis gegenüber zu stellen ist meines Erachtens weniger zielführend als die Auseinandersetzung mit der Frage, wie Beratung in einer Gesellschaft, die sich immer stärker durch einen digitalen Wandel charakterisiert, zeitgemäß und fachlich professionell gestaltet werden kann. Und dazu ist es aus meiner Sicht hilfreich, sich von einem „entweder – oder“ zu lösen und ein „sowohl als auch“ in den Blick zu nehmen (so hat es übrigens auch schon Sauter 2001 beschrieben).

Für Berater*innen, Coaches und Supervirsor*innen geht es daher in Zukunft darum den digitalen Wandel nicht als Gefahr zu verstehen, die traditionelle Beratungsformate gefährdet, sondern die Möglichkeiten und Chancen zu entdecken, die darin ebenso stecken. Wenn dies gelingt, kann auch die Profession einen Wandel erleben, in dem Altes bewahrt werden kann und Neues eine Erweiterung des Bisherigen darstellt.

Und so stellt Martens-Schmid zum Abschluss ihres Artikels auch treffend fest:

„Entscheidend scheint mir zu sein, ob es uns gelingt, zu begreifen, dass Digitalität und Virtualität existierender Teil unserer realen Welt sind. Wir sind darin nicht völlig autonom und nicht völlig ausgeliefert. Vielmehr können wir uns als Einzelne und als Gesellschaft im Diskurs offline und online den Fragen der Steuerung und der Steuerbarkeit der digitalen Entwicklung stellen.“ (Martens-Schmid, 2018, o. S.)

Im Artikel verwendete Quellen:

Martens-Schmid, K (2018). Hier ist dort – Coaching auf dem Weg in virtuelle Beratungswelten. Organisationsberatung, Supervision, Coaching. Wiesbaden: Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/s11613-018-0562-4
Fietze, B. & Möller, H. (2018). Digitalierung in der Beratung.  Organisationsberatung, Supervision, Coaching. Wiesbaden: Springer Fachmedien. . https://doi.org/10.1007/s11613-018-0556-2

Podcasts für die Beratung?

Gestern las ich bei der Vorbereitung eines Workshops einen Beitrag der Bitkom, in dem beschrieben wurde, dass 22% der Deutschen regelmäßig Podcasts hören.

Da mich schon länger die Frage beschäftigt, wie sich Podcast auch in der psychosozialen Beratung einsetzen lassen, habe ich mal in die Twitterrunde gefragt, wer da etwas kennt. Das Ergebnis war überraschend für mich, denn es entspann sich eine kleine aber feine Diskussion, ob Podcasts in der Beratung überhaupt gehen und wenn ja, ob es dann überhaupt noch Podcasts sind.

Aber zurück zum Anfang: Podcasts, wer es noch nicht weiß, sind Audio- oder Videodateien, die man sich aus dem Netz herunterladen und anhören kann. Es geht also zunächst einmal um das Zuhören und dann ggf. reagieren in Form von Kommentaren auf einem dazugehörigen Blog o. ä.

Wenn jeder Fünfte Deutsche gerne Podcasts hört, ist für mich die Frage naheliegend, ob dies auch ein Format ist, mit dem Beratung angeboten werden kann. Denn scheinbar gibt es Leute, die sich lieber etwas anhören, als es z. B. zu lesen (wie es bei der Mailberatung der Fall wäre).

Und hier entwickelte sich die Diskussion gestern auf Twitter ganz interessant weiter: Es wurde zu Recht darauf hingewiesen, dass sich Podcast ja an eine größere Zuhörerschaft wenden und für die Beratung deswegen auch weniger geeignet wären, da sie sich nicht mit den individuellen Fragstellungen einer ratsuchenden Person beschäftigen würden. Dem stimme ich zu, frage aber gleichzeitig nach, inwiefern denn nicht auch Podcasts individualisiert angeboten werden können. Und hierbei lernte ich: Dann sind es eigentlich keine Podcasts, sondern wir müssten das Ganze Audioberatung nennen.

Die Frage, ob auch für eine größere Zuhörerschaft ein Beratungspodcast angeboten werden kann ist insofern interessant, als das Onlineberatungsforum ja ähnlich funktioniert: Eine ratsuchende Person erstellt eine Anfrage und viele weitere lesen (und schreiben) mit. Die Anzahl der „lurker“, also derer, die „nur“ mitlesen und nie selbst schreibend in Erscheinung treten ist in Beratungs-Foren enorm groß im Vergleich zu denen, die aktiv schreiben. Die Hypothese die hierzu häufig angeboten wird: Durch das Mitlesen holen sich die anderen Personen bereits einen Teil ihrer Beratung mit ab. Ähnlich könnte man jetzt zum Thema Podcast/Audionachrichten in der Beratung davon ausgehen, dass das Zuhören bereits einige Fragen klärt und vielleicht im Anschluss dazu einlädt, sich mit individuellen Fragestellungen an den*die Berater*in zu wenden.

Wie auch immer man das Ganze am Ende nennen möchte, ob Audioberatung oder Onlineberatung per Audio oder Beratungspodcast, ich bin nach wie vor auf der Suche nach jemanden, der*die sowas macht: Klient*innen per Audionachrichten Beratung anzubieten.

Und eigentlich steckt für mich hinter diesem ganzen Thema noch etwas viel Grundsätzlicheres: Nämlich die Frage, inwieweit Berater*innen bereit sind, sich mit den Möglichkeiten der neuen Medien auseinander zu setzen und Angebote zu entwickeln, die das Spektrum der erreichten Zielgruppen erweitern könnte. Ich höre, wenn ich diese Frage stelle allzu oft „Was sollen wir denn noch alles machen!?“ – und so sehr ich diese Rückmeldung (auch aus eigener Erfahrung) verstehen kann, so wenig kann ich sie doch gelten lassen. Denn wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit (potentiellen) Klient*innen zu tun bekommen, die medial anders sozialisiert wurden, als die, die wir vor 20 Jahren beraten haben. Insofern geht es vielleicht manchmal auch um die Frage „Was brauche ich künftig nicht mehr tun!?“ – und damit meine ich nicht, dass die face-to-face Beratung obsolet werden wird.

Was ich mir konkret vorstellen und wünsche: Berater*innen, die das eine oder andere digitale Medium nutzen, um sich und ihr Angebot zu präsentieren (z. B. ein Vorstellungsvideo auf YouTube, welches die Beratungsstelle und ihr Angebot erklärt, oder kurze Videos, die bestimmte Themen aufgreifen und darstellen, wie hier https://www.erziehungsberatung-passau.de/links/beispiel-videos/beispiel-videos ), die aber auch die digitalen Medien im Beratungsprozess einsetzen, wo sie gut passen. Sei es, indem gemeinsam im Netz zu einem Thema recherchiert wird, indem über ein Onlineberatungstool per Mail, Chat oder Video kommuniziert wird oder eben indem auch Audiosequenzen zur Verfügung gestellt werden, die den*die Ratsuchenden im Alltag begleiten können.

Und wer solange selbst ein paar Podcast (rund um das Thema Digitalisierung der Beratung) hören möchte, hier ein paar der Empfehlungen, die ich gestern dazu selbst auf Twitter bekam:

https://www.sozial-pr.net/

https://ideequadrat.org/

https://irgendwas-mit-menschen.com/

https://www.sozifon.de/

auch spannend, eine Plattform zum Thema crowdmoving https://helpteers.net/info/

und hier noch eine Übersichtsliste weiterer Podcasts: https://www.digital-sozial.net/themen/item/12-podcast-soziales

11. Fachforum Onlineberatung am 17./18.09.2018 in Nürnberg

Es ist wieder so weit! Am 17./18. September 2018 laden wir wieder zum Fachforum Onlineberatung nach Nürnberg ein. Dieses Jahr steht das Fachforum unter dem Motto „Onlineberatung in Zeiten der Digitalisierung“. Den Eröffnungsvortrag zu diesem Thema hält Prof. Nadia Kutscher von der Universität Köln, die sich seit vielen Jahren u. a. mit dem Themenkomplex Digitalisierung der Sozialen Arbeit beschäftigt.

An zwei Tagen werden wir in der bewährten Mischung aus Vorträgen, Diskussionen und Workshops darüber diskutieren, welche Auswirkungen sich aus der Digitalisierung für die Onlineberatung ergeben.

Hier der Ankündigungstext für das 11. Fachforum Onlineberatung:

Wie verändert sich unsere Lebenswelt durch die immer stärker fortschreitende Digitalisierung? Und welche Auswirkungen ergeben sich hieraus für die psychosoziale Beratungslandschaft und insbesondere auch für die Onlineberatung? Das 11. Fachforum Onlineberatung lädt dazu ein, sich mich diesen und weiteren Fragestellungen zu beschäftigen.
Der lebensweltliche Alltag von Fachkräften und Klient*innen Sozialer Arbeit und angrenzender Disziplinen wird immer häufiger durch (digitale) Medien durchdrungen und beeinflusst. Auswirkungen dieser Entwicklung zeigen sich sowohl in den Beratungsanlässen von Klient*innen, als auch in der medialen Realisierung von Beratungsprozessen (Onlineberatung/Blended Counseling).
Die aktuelle Debatte greift nun auch die sich aus der Digitalisierung ergebenden neuen Möglichkeiten des professionellen Handelns von Fachkräften Sozialer Arbeit auf. So gilt es für Träger und Einrichtungen bei ihrer strategischen Planung und Konzeptentwicklung diese Chancen in den Mittelpunkt zu rücken und zu prüfen, welchen Platz die Onlineberatung künftig einnehmen wird.
Der „digital turn“ in der Beratung wird weiter Fahrt aufnehmen – es gilt, ihn sinnvoll zu gestalten! Das diesjährige Fachforum möchte hierzu Austausch, Denkanstöße und Vernetzungsmöglichkeiten bieten.

Das Institut für E-Beratung der TH Nürnberg veranstaltet jährlich im September zusammen mit der Deutschsprachigen Gesellschaft für psychosoziale Onlineberatung (DGOB), der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke), der Online-Beratung des Deutschen Caritasverbandes (caritas.de/onlineberatung) sowie des pro familia SEXTRA Onlineberatungs-Projektes (sextra) das Fachforum Onlineberatung.

Alle Infos zum Programm und zur Anmeldung unter: www.fachforum-onlineberatung.de

Über die ständige Erreichbarkeit der Onlineberater*innen

Heute früh habe ich mit 11 Onlineberater*innen über das Thema „Blended Counseling“ diskutiert und wir landeten an vielen spannenden Punkten, die mich jetzt noch beschäftigen. Ein Thema war die Frage, ob Onlineberater*innen denn nun ständig erreichbar sein müssten, da die Klient*innen ja schließlich dauernd online und mit dem Netz verbunden sind. Natürlich lautet die Antwort erstmal „nein“, denn selbst wenn wir das – aus welchen Gründen auch immer – wollen würden, wäre es nicht möglich. Die Strukturen und Arbeitsbedingungen von Berater*innen in psychosozialen Arbeitsfelder lassen dies gar nicht zu und nicht zuletzt geht es natürlich auch um das Thema Psychohygiene und einen gesunden Abstand von Klient*innen und Beratungsgeschehen.

Dennoch weist auch Sabine Depew richtigerweise darauf hin: „Wer ständig online ist, erwartet schnelle Antworten, Tipps und sofortige Hilfe. Darauf müssen wir reagieren, wenn wir nah bei den Menschen bleiben wollen“

Wir werden es in den nächsten Jahren zunehmend mit einer Klientel zu tun bekommen, die mit dem Internet und seinen Kommunikationsmedien sozialisiert wurden und deren Kommunikationsverhalten stark durch Onlinemedien geprägt ist. Dies wird auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie diese Zielgruppe Beratungsangebote wahrnimmt und nutzt unvermeidbar machen. Widerstände, die Berater*innen wahrnehmen, wenn sie sich mit einer „Beratung4.0“ beschäftigen (müssen), sollen ernstgenommen werden und dennoch werden wir Beratung künftig auch neu denken müssen. Neue Konzeptionen, Haltungen, Methoden und Angebote werden sich entwickeln müssen, damit die Soziale Arbeit auch künftig noch ihrem Leitgedanken „Die Menschen da abholen, wo sie stehen“ gerecht werden kann.

Das bedeutet zwar nicht ständig online und ständig erreichbar zu sein – es wird aber bedeuten, sich den Auswirkungen der Digitalisierung nicht zu verschließen und aktiv an der Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit/Beratung mitzuwirken. Der Transformationsprozess ist bereits in vollem Gange…

5. Berliner B-Tag zum Thema „Digitalisiert! Chancen und Herausforderungen für die Beratung zu Bildung und Beruf“

Anfang Juli findet zum 5. Mal der sogenannte „B-Tag“ ein Weiterbildungstag für die Berliner Bildungsberater*innen in Berlin statt. Dieses Jahr wird das Thema „Digitalisierung“ im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. So wird es darum gehen in einem fachlichen Austausch miteinander die künftigen Herausforderungen für die Bildungsberatung zu diskutieren.

Ich werde in einem der beiden Workshops am Nachmittag das Thema „Blended Counseling – Beratungsform der Zukunft!?“ vorstellen und bin gespannt auf die Diskussion mit den Fachleuten aus der Bildungsberatung, die auch ihre bisherigen Erfahrungen mit einbringen können.

Die Zeitschrift „Bildungsberatung im Fokus“ aus Österreich, hat sich Anfang 2016 mit dem Thema „Bildungsberatung digital“ beschäftigt und bietet ein paar interessante Artikel, teils auch mit Erfahrungsberichten hierzu. Die Ausgabe kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Lohnt sich ein Onlineberatungsangebot für mich? 5 Tipps zur Selbstprüfung

Viele Berater*innen, Coaches oder Supervisor*innen bieten Ihre Dienstleistung auch „online“ an. Oft bedeutet dies zunächst einmal, dass der/die Anbieter*in eine eigene Website hat, auf der es eine Kontaktmöglichkeit per Mail gibt oder ein Kontaktformular, das dazu einlädt eine Nachricht zu senden. Das Netz zu nutzen, um für sich und sein Angebot zu werben gehört für beratend Tätige seit vielen Jahren zum täglichen Geschäft.

Im Gespräch mit Berater*innen, Coaches, Supervior*innen stelle ich häufig fest, dass sie auf meine Frage, ob sie denn auch ein Onlineberatungsangebot haben zunächst mit „Nein“ antworten. Wenn ich dann aber weiter frage, ob sie denn so gar keinen Kontakt per Mail mit ihren Kund*innen haben, stellt sich heraus, dass natürlich sehr wohl so einiges per Mail abgewickelt wird: Von Terminvereinbarungen über Angebotserstellungen bis hin zur Klärung von Erstanliegen ist alles dabei. Einige berichten dann auch noch davon, dass sie mit ihren Klient*innen online in Kontakt bleiben, wenn diese zum Beispiel auf Dienst- oder Auslandsreisen sind.

Steckt hinter diesem „Nein“ also mangelndes Bewusstsein für das, was man tut? Oder ist es eine Art Understatement, weil das ja „keine richtige Beratung/kein richtiges Coaching“ ist?

Ich möchte die vielen beratend Tätigen, die inzwischen auch online arbeiten, dies aber nicht offensiv so benennen bzw. bewerben, dazu ermutigen, ihr Angebot noch einmal bewusst zu prüfen und das Potential der Nutzung weiterer Kommunikationskanäle für ihre Arbeit zu nutzen.

Folgende fünf Fragen können dabei helfen zu prüfen, ob es sich lohnen würde, ein eigenes Onlineberatungsangebot zu starten:

1. Nehmen meine Kund*innen bislang vorwiegend „online“ Kontakt zu mir auf?
Wenn Sie bislang Anfragen für ein Beratungsgespräch/ein Coaching/eine Supervision meistens per Mail bekommen findet man Sie scheinbar gut im Netz. Ihre Web-Präsenz spricht ihre potentiellen Kund*innen an und lädt sie dazu ein, sich bei Ihnen schriftlich zu melden.

2. Bediene ich eine Zielgruppe die internetaffin ist?
Überlegen Sie mal, wen Sie beraten bzw. wer Ihre Kund*innen sind. Haben Sie es häufig mit Personen zu tun, die beruflich bedingt viel online kommunizieren? Gibt es Personen, die von sich sagen, dass sie gerne schreiben? Wird vor, nach oder gar während einer Sitzung das Smartphone gezückt? Prüfen Sie einmal, wie internetaffin Ihre Kundschaft ist.

3. Wie internetaffin bin ich?
Natürlich kommt es auch darauf an, ob Sie selbst gerne das Netz nutzen, um zu kommunizieren, sich zu informieren und Gedanken und Ideen zu teilen. Vielleicht lesen Sie regelmäßig bestimmte Blogs oder Foren. Kommentieren Sie dort auch und werden sichtbar? Eine gute Voraussetzung, um potentielle Kund*innen auf Sie aufmerksam zu machen oder interessante berufliche (Online-)Netzwerke zu gründen!

4. Wie könnte ich Beratungsprozesse neu strukturieren?
Hier kommt das Thema „Blended Counseling“ ins Spiel. Der Einsatz unterschiedlicher Medien – ob analog (mit Systembrett oder Flipchart in der Praxis) oder digital (per Onlineberatung) – ermöglicht Ihnen Beratungsprozesse neu zu gestalten. Hierbei geht es vor allem um die Frage: Was ist nützlich für meine Kundschaft und den Prozess? Durch den Wechsel medial unterstützter unterschiedlicher Beratungssettings kann nicht nur neuer „Schwung“ in den Beratungsprozess kommen, es ermöglicht Ihnen auch Ihre Zeit neu (und effektiver) zu organisieren und zu planen.

5. Bin ich bereit zu investieren?
Natürlich kostet das Ganze auch etwas. Zunächst einmal Zeit, um Konzepte zu entwickeln, sich fortzubilden und Marketing zu betreiben. Denn ganz von allein werden Sie dann doch nicht gefunden. Und Sie brauchen eine vernünftige Software, denn eine Beratung über gängige Mailprogramme oder Tools wie Skype bringt Sie rechtlich in Schwierigkeiten, wenn Sie zu den Berufsgruppen gehören, die sich an die Verschwiegenheitspflicht (§203 StGB) halten müssen.  Es macht aber auch deshalb Sinn in eine spezielle Onlineberatungssoftware zu investieren, weil sie in der Regel komfortabler zu bedienen ist.

Ein Onlineberatungsangebot lohnt sich also nicht in erster Linie, um damit viel Geld zu verdienen. Es kann Ihnen aber neue Zielgruppen erschließen, den vorhandenen Kund*innen eine willkommene Ergänzung/Alternative sein und Sie auf dem Markt interessant(er) machen, da Sie ein zusätzliches und nachgefragtes Angebot schaffen.

 

Neuer Artikel, neues Projekt, neuer Weiterbildungsdurchgang…

Dieses Jahr war zugegebenermaßen ein etwas blogfaules Jahr. Drum gibt es jetzt auch wieder etwas komprimierte News in einem Beitrag.

Wer für die Feiertage noch etwas zum Lesen sucht: Die neue Ausgabe der „Resonanzen“ dem E-Journal für biopsychosoziale Dialoge in Psychotherapie, Beratung und Supervision beschäftigt sich mit dem Thema „Neue Medien – Neue Wege in Psychotherapie, Beratung und Supervision„. Für diese Ausgabe habe ich gemeinsam mit Prof. Richard Reindl einen Artikel zum Thema „Blended Counseling – Beratungsform der Zukunft“ beintragen dürfen. Der Artikel ist, mit anderen spannenden Beirtägen zum Thema, online kostenlos abruf- und lesbar.

Nachdem wir lange für das Projekt gekämpft haben, gibt es nun endlich eine Förderung vom Bayrischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege! Am Institut für E-Beratung beschäftigen wir uns die nächsten gut anderthalb Jahre mit der Konzeption und Entwicklung eines Onlineberatungsportals für pflegende Angehörige. Online-Support für pflegende Angehörige (OSpA) verbindet professionelle Unterstützung mit ehrenamtlichem Engagement.

Ministerin Humml äußert sich zu dem Projekt hier
Eine ausführliche Projektbeschreibung und die Möglichkeit die Entwicklung des Projekts mitzuverfolgen gibt es hier

2017 startet ein neues Fort- und Weiterbildungsjahr! Es gibt nur noch zwei (!!) freie Plätze im nächsten Durchgang des „Hochschulzertifikats Onlineberatung“. Alle Infos und Anmeldung zu der Weiterbildung zum Onlineberater/zur Onlineberaterin, die mit einem Zertifikat der Technischen Hochschule Nürnberg – Georg Simon Ohm abschließt, gibt es hier

Allen Leser*innen wünsche ich ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start in ein gesundes und zufriedenes Jahr 2017!

Anmeldung zum DGSF-Fachtag „Onlinekommunikation in Beratung und Supervision“ ab sofort möglich

Ab sofort ist die Anmeldung für den im letzten Beitrag bereits angekündigten Fachtag des Instituts für E-Beratung in Kooperation mit der Fachgruppe Onlineberatung der DGSF möglich.

Hier der Ausschreibungstext und weitere Infos:

Onlinekommunikation in Beratung und Supervision

Der Fachtag ‚Onlinekommunikation in Beratung und Supervision‘ beleuchtet die Möglichkeiten des Einsatzes von internetgestützten Kommunikationsmitteln zur Anbahnung und Gestaltung von Beratungs-/Supervisionsprozessen. Die Teilnehmenden erfahren welche Implikationen sich aus dem ‚Wandel der Beratung‘ für BeraterInnen und SupervisorInnen ergeben und erhalten konkrete Anregungen zum Einsatz von internetgestützter Kommunikation. In kurzen Vorträgen und Praxis-Workshops lernen die Teilnehmenden die Chancen und Grenzen internetgestützter Kommunikation im Kontext von Beratung und Supervision kennen.

Der Fachtag wird in Kooperation mit der Fachgruppe Onlineberatung der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. v. (DGSF) durchgeführt. Das Institut für E-Beratung wird im Rahmen des Fachtags u. a. Ergebnisse des Forschungsprojekts zum Thema „Online-Supervision“ vorstellen.

Referenten u. a.:

  • Prof. Dr. Richard Reindl (Akademischer Leiter des Instituts)
  • Emily Engelhardt (Geschäftsführerin des Instituts)
  • Dr. Joachim Wenzel (Sprecher der DGSF-Fachgruppe Onlineberatung)

Zielgruppe: Der Fachtag richtet sich an Berater/innen und Supervisoren/innen, die an einer internetgestützten Kontaktaufnahme, Beratung und/oder Supervision interessiert sind bzw. planen oder bereits ein Onlineangebot nutzen
Zeit: Montag, 4. April 2016, 10:00 – 17:00 Uhr
Ort: Caritasverband Frankfurt, Alte Mainzer Gasse 10, 60311 Frankfurt
Anreisebeschreibung: Anreiseinformationen als PDF-Dokument
Teilnahmegebühr: 110 €; für Mitglieder der DGSF: 90 €
Teilnehmerbegrenzung: 40 Personen

Die Anmeldung ist möglich bis zum 03.03.2016.

(Quelle: https://www.e-beratungsinstitut.de/fort-und-weiterbildung/onlinekommunikation-fachtag/ )

Und hier geht’s zur Anmeldemaske

 

Artikel zur Online-Supervision im JOURNAL SUPERVISION

Im vergangenen Jahr wurde ich von der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) dazu eingeladen, einen kleinen Überblicksartikel zum Thema „Online-Supervision“ für das „JOURNAL SUPERVISION“ zu schreiben. Der Artikel ist im Dezember 2013 erschienen und mit der freundlichen Genehmigung der Herausgeber, darf ich ihn meinen Leser_innen auch hier zur Verfügung stellen. Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Artikel.

Ein Überblick über den aktuellen Stand der Online-Supervision, ihren besonderen Charakter und Entwicklungsaufgaben für die Zukunft (erschienen in: JOURNAL SUPERVISION 4/2013)

Text: Emily Engelhardt

Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung und Mediatisierung unserer Gesellschaft müssen sich Supervisor/innen Gedanken darüber machen, in welchem Setting und mit welchen Methoden sie ihr Supervisionsangebot gestalten. An einer Auseinandersetzung mit Onlineberatung kommen sie dabei nicht vorbei. Im alltäglichen Gebrauch finden sich für dieses Format unzählige Begriffe: Von „Internetberatung“ über „digitale Beratung“, „computergestützte Beratung“ oder „E-Beratung“ bis hin zu den im englischsprachigen Raum gängigen „E-Counseling“ oder „Distance Counseling“. Allen gemein ist, dass sie sich für den Akt der Beratung der Infrastruktur des Internets bedienen. Wenn hier von Onlineberatung gesprochen wird, ist eine Form der Beratung gemeint, wie sie von der Kommission Fortbildung Online-Beratung (KFOB) der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) im Jahr 2003 sehr treffend beschrieben wurde:

„Psychologische Online-Beratung ist eine aktive, helfende Begegnung resp. Beziehung zwischen einem/einer Ratsuchenden und einer/einem psychologischen BeraterIn. Sie findet virtuell im Internet mittels dessen spezifischer Kommunikationsformen (E-Mail, Chat, Forum etc.) statt, wobei die KlientInnen Ort und Zeitpunkt der Problemformulierungen selber bestimmen. Sie hat zum Ziel, bei den KlientInnen kognitiv-emotionale Lernprozesse anzuregen, damit die Selbststeuerungs- und Handlungsfähigkeit wieder erlangt oder verbessert werden kann. Psychologische Online-BeraterInnen stützen ihre Beratung auf anerkannte psychologisch-beraterische Methoden und halten sich an medienspezifisch erweiterte berufsethische Standards (Schweigepflicht, Datenschutz, Erkennbarkeit der Beraterpersönlichkeit, u.a.).“ (KFOB, 2003)

In Hinblick auf Online-Supervision besteht noch großer Entwicklungsbedarf auf konzeptioneller und qualitativer Ebene (Höllriegel, 2013). Wie in den Anfängen der Onlineberatungspraxis wird hier meist Folgendes getan: Bewährte Beratungskonzepte aus der klassischen Supervision werden in das Online-Setting übertragen und – mal mehr, mal weniger – eins zu eins übersetzt. So dient momentan noch die face-to-face Supervision als Referenzmodell für die Online-Supervision.

Onlineberatung ist anders
Die Vorteile der Onlineberatung liegen auf der Hand: Da ist zunächst die zeitliche und örtliche Unabhängigkeit des Zugangs zu Onlineberatungsangeboten. Klient/innen können ihre Anliegen in dem Moment formulieren und abschicken, in dem es ihnen „unter den Nägeln brennt“. Wartezeiten werden verringert bzw. fallen teilweise ganz weg. Durch die Möglichkeit eines anonymen Kontaktes wird die Schwelle zum Beratungsangebot nochmals gesenkt. Was oft als Nachteil für die Beratenden ausgelegt wird, nämlich der Wegfall von visuellen Reizen (Gestik, Mimik, Stimme etc.), ist durchaus ein Vorteil: für die Ratsuchenden, da sie besonders bei schambesetzten Themen keine Stigmatisierung befürchten müssen; und für die Beratenden, weil sie sich nicht von äußeren Reizen ablenken lassen, sondern auf den Text fokussieren (Vgl. Höllriegel, 2013, 5). Gleichwohl steckt in dieser Reduzierung der Kanäle eine besondere Herausforderung für Onlineberatende. Sie müssen über die Fähigkeit verfügen, Texte entsprechend „entschlüsseln“ zu können und ggf. auch „zwischen den Zeilen“ zu lesen.

Je nachdem in welchem Onlinesetting die Beratung stattfindet, sind wiederum spezifische Merkmale erkennbar. Etabliert haben sich inzwischen die Formen E-Mail-Beratung[1], Forenberatung (vgl. Brunner, Engelhardt, Heider, 2009) und Chatberatung. Hierbei ist schon die erste Differenzierung vorzunehmen: E-Mail- und Forenberatung finden asynchron statt, bei der Chatberatung ist der Kontakt zwischen Berater und Klient unmittelbarer und findet synchron vermittelt statt.
Neuere Entwicklungen in der Onlineberatung setzen stärker auf die Nutzung mobiler Endgeräte (Smartphones, Tablets), so dass künftig eher von einem „Beratungsstream“ oder dem „Coach in der Hosentasche“ zu sprechen sein wird.

Ein häufiger Kritikpunkt ist, dass Onlineberatung durch die Kanalreduktion kühl und distanziert sei. Dieser Umstand bringe eine „Ent-Sinnlichung“, „Ent-Emotionalisierung“ und „Ent-Menschlichung“ mit sich (Vgl. Döring, 1997). Die virtuelle Kommunikation bietet aber ein großes Spektrum an „Ausdruckskreativität“ – und es liegt an der Kompetenz der Beratenden, einen virtuellen Beziehungsaufbau so zu gestalten, dass sich die Kund/innen angenommen und gut aufgehoben fühlen.

Online-Superversion: Schreiben als reflexives Moment
Eine Supervision, die online stattfindet, bietet viele der bereits für Onlineberatung genannten Vorteile. Dass Schreiben an sich schon ein strukturierendes und reflexives Moment ist, liegt auf der Hand.
Die Schreibenden sind dazu angehalten ihre Worte genau zu wählen, um auszudrücken, was sie übermitteln möchten. Sie können nochmals nachlesen, was sie geschrieben haben, ergänzen, verändern, korrigieren, erweitern.
Im Gegensatz zur unmittelbar stattfindenden face-to-face Supervision, ergibt sich bei der
Online-Supervision automatisch ein Prozess der Entschleunigung (zumindest in asynchronen Beratungssettings). Im Sinne einer lösungsorientierten Beratungshaltung, bei der „das Wesentliche zwischen den Sitzungen geschieht“, ermöglicht Online-Supervision eben diese Erfahrung: Der Reflexionsprozess findet nicht wie bisher zwischen den Supervisionsterminen, sondern im Prozess des Schreibens und Überdenkens seinen Ausdruck. (Vgl. Koch, 2009, 6, Goebel-Krayer, 2007, 4)
Die Supervisanden sind stärker aufgerufen sich mit (der Beschreibung) ihrer beruflichen Situation und den damit verknüpften Frage- oder Problemstellungen zu befassen. Sie müssen wesentlich expliziter benennen, was ihr eigentliches Anliegen an die Supervision ist und beantworten sich – so ist anzunehmen – im Schreiben bereits viele Fragen selbst.

Supervision via E-Mail
Der einfachste Einstieg in die Online-Supervision ist für beide Seiten (Supervisor/in und Supervisand/in) sicherlich die Supervision via E-Mail. Durch die zeitliche Entzerrung des Kontaktes (im Gegensatz zum synchron verlaufenden Chat) haben Supervisor/in und Supervisand/in genügend Zeit ihre Texte zu bearbeiten – und in der Fassung zu versenden, die ihnen am besten zusagt.

Nach Goebel-Krayer „…sind E-Mails im Kontext von Supervision für sich genommen Erzählungen oder Beschreibungen vom beruflichen Alltag. Es sind hochgradige Verdichtungen sozialer Wirklichkeit, in denen SupervisandInnen ihre Perspektive der Menschen, mit denen sie zusammen arbeiten, der Institution, in der sie arbeiten, und ihrer Rolle darin darstellen.“ (Goebel-Krayer, ebd., 3)

Praktisch gestaltet sich die Supervision via E-Mail folgendermaßen: Supervisor/in und Supervisand/in vereinbaren im Vorfeld des eigentlichen Supervisionsprozesses im Live-Kontakt, telefonisch oder ebenfalls schriftlich via Mail miteinander die Modalitäten des Supervisionsprozesses. Letztlich handelt es sich hierbei um die Aushandlung eines organisatorischen Kontraktes. Die ersten Mailkontakte sind dann entsprechend unterschiedlich stark geprägt durch Aushandlungsprozesse zur Bildung der gemeinsamen Arbeitsgrundlage bzw. durch die inhaltliche Arbeit am Thema.
Es zeigt sich – wie auch in den face-to-face-Supervisionsprozessen –, dass eine immer wiederkehrende Auftragsklärung notwendig ist, da „…sich häufig Themen verändern, verschieben oder auflösen und dann wieder das Anliegen geklärt werden muss.“ (Koch, ebd., 2).

Supervision via Chat
Grundsätzlich herausfordernder stellt sich die Supervision im quasi-synchron verlaufenden Chat dar. Die Schreibgeschwindigkeit ist naturgemäß im Chat recht hoch, so dass der Reflexionsprozess eine andere Dynamik bekommt. Der/die Supervisor/in ist hier im Sinne der Prozessverantwortung dazu angehalten, das Tempo des Chats genau zu prüfen und ggf. anzupassen oder mit dem/der Kunden/Kundin zu besprechen, wie ein angemessenes Schreibtempo eingehalten werden kann. Zu den Besonderheiten der Beratung im Chat finden sich bei Hintenberger (2006) ausführliche Hinweise. Höllriegel (ebd.) weist zudem auch auf Grenzen der Supervision im Chat hin. Ganz grundsätzlich gilt für beide Formate der Online-Supervision, dass zwar die Anliegen schneller auf den Punkt gebracht werden. Es ist nach Koch aber dennoch „…ein Irrtum zu meinen, Online-Coaching sei eine schnelle Beratung. […] Online-Coaching eignet sich nach meiner Erfahrung vor allem für persönliche Klärungsprozesse, die auch ihre eigene Zeit brauchen.“ (Koch, ebd., 8)

Die speziellen Kompetenzen eines Online-Supervisors
Gute „face-to-face“-Supervisor/innen sind nicht automatisch auch gute Online-Supervisor/innen. Die Kompetenzen, die ein/e Supervisor/in in der Online-Supervision aufweisen muss, unterscheiden sich in vielen Punkten von denen, die er/sie in klassischen Supervisionssettings einbringen muss. Das methodische Vorgehen lässt sich nicht einfach eins-zu-eins in das virtuelle Beratungssetting übertragen. Wenngleich natürlich die Elemente wie Auftragsklärung und Lösungsentwicklung auch in der Online-Supervision eine wesentliche Rolle spielen, so laufen sie doch verändert ab und bedürfen einer Modifikation wenn nicht gar Neuentwicklung. Grundsätzlich sollten Online-Supervisor/innen vor allem über Schreib- und Lesekompetenz verfügen und sich sowohl mit den technischen Gegebenheiten, als auch mit den Besonderheiten computervermittelter Kommunikation vertraut fühlen (Vgl. Höllriegel, ebd., Knatz, 2006a). Nicht zuletzt deshalb ist es notwendig, dass Supervisor/innen, die Online-Supervision anbieten, eine Qualifizierung in Onlineberatung besitzen. Allzu oft wird noch davon ausgegangen, dass die Kompetenzen, die im Rahmen einer allgemeinen Supervisionsausbildung erworben werden, ausreichen, um auch eine qualifizierte Online-Supervision anzubieten. Noch gibt es keine einheitlichen Ausbildungen für die Onlineberatung geschweige denn Online-Supervision, jedoch konnten sich in den vergangen Jahren die großen Träger der Onlineberatung auf ein gemeinsames Curriculum und damit verbundene Standards für die Ausbildung einigen, die den Maßgaben der Deutschen Gesellschaft für Online-Beratung (DGOB) entsprechen (vgl. auch Kühne, 2012). Grundsätzlich vermittelt werden in der Ausbildung Kenntnisse:
– zur Onlinekommunikation (Grundlagen computervermittelter Kommunikation, Mediensprache, virtuelle Gruppendynamik)
– zur Onlineberatung im Speziellen (z. B. theoretische Konzepte internetbasierter Beratung, Kenntnisse zur Gestaltung eines virtuellen Beratungsprozesses)
– zu rechtlichen und organisatorischen Bedingungen (z. B. Technik, Datenschutz) (vgl. Curriculum Online-Beratung, 2011)

Die Zukunft: On- und Offlineberatung mischen
Durch nahezu alle Alters- und Zielgruppen für Supervision vollzieht sich eine stärkere Mediatisierung der Kommunikationsmuster. Supervisor/innen müssen deshalb ein Verständnis dafür entwickeln, dass die Kund/innen bewusst den Weg über die Online-Supervision wählen, um eine Unterstützung in in Anspruch zu nehmen.
Für die Supervisionsausbildung bedeutet dies künftig auch die Integration von Qualifikationsbausteinen in Online-Supervision in die bestehenden Weiterbildungsformate. Denn den Fachverbänden für Supervision muss klar sein, dass Supervisor/innen auch jetzt schon Online-Supervision anbieten – häufig ohne die dafür notwendige Zusatzqualifikation. Um ein Angebot sicher zu stellen, das den Anforderungen der zertifizierenden Dachverbände für Supervision entspricht, wird die Umsetzung entsprechender Qualifikationsmöglichkeiten notwendig sein.

Gleichwohl geht es nicht darum, nun „alles online“ zu machen. Eine Perspektive für die Online-Supervision lautet daher: Blended Counseling. Gemeint ist hiermit „…eine Mischform aus Offline- und Onlineberatung, die im Beratungsprozess Anteile der Onlineberatung und Anteile der Face-to-Face-Beratung systematisch miteinander verbindet.“ (Weiß, 2011, 14)
Die Verknüpfung von klassischen face-to-face Supervisonsprozessen mit virtuellen Supervisionsanteilen schafft einen Mehrwert für Supervisand/innen (und Supervior/innen). Neben der höheren Flexibilisierung der Beratung, die besonders für zeitlich stark beanspruchte Kund/innen relevant ist, schafft die Verknüpfung von Online- und Offline-Supervisonsanteilen auch eine besondere Form der Reflexion. Die Dokumentation des Prozesses stellt für die Supervisand/innen einen besonderen Gewinn dar (die Mails und/oder Chatprotokolle bleiben auch im Anschluss an den Supervisionskontakt bestehen, was auch im Sinne der Qualitätssicherung einen wichtigen Aspekt darstellt (vgl. Höllriegel, ebd. 18)): Sie können auch im Anschluss noch einmal zu den Texten zurückkehren, sie neu lesen, neu überdenken und für sich interpretieren und reflektieren. Es werden neue Beschreibungen gefunden und neue Interpretationsmöglichkeiten geschaffen.

Emily Engelhardt ist Geschäftsführerin des Instituts für E-Beratung, TH Nürnberg, Systemische Supervisorin (SG) und Systemische Beraterin (SG) (www.der-dreh.net), Onlineberaterin und Ausbilderin (DGOB).  Arbeitsschwerpunkte: Online-Supervision, Wirksamkeitsforschung, Blended Counseling.

Literatur
Brunner, Engelhardt, Heider (2009): Forenberatung. In: Hintenberger, Gerhard/ Kühne, Stefan: Handbuch Onlineberatung
Curriculum Online-Beratung (2011) [unveröffentlichtes Papier der Trägerkonferenz Onlineberatung, Nürnberg]
Döring, N.(1997): Kommunikation im Internet. Neun theoretische Ansätze. In: B. Batinic: Internet für Psychologen
Kühne, S. (2012): Qualitätsmanagement in der psychosozialen Onlineberatung, Masterarbeit
Weiß, S. (2011): Blended Counseling: Aspekte zur Integration psychosozialer Offline- und Onlineberatung, unveröffentlichte Masterarbeit

Zeitschriften
Goebel-Krayer, E. (2007): Narrative E-Mail-Supervision. In: e-beratungsjournal,  3. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Hintenberger, G. (2006): *taschentuchreich* – Überlegungen zur Methodik der Chatberatung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 2
Höllriegel, K. (2013): Online-Supervision – Potentiale und Restriktionen. In: e-beratungsjournal, 9. Jahrgang, Heft 1, Artikel 2
Knatz, B. (2006a): Qualitätsstandards für die Online-Beratung. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 1, Artikel 5
Knatz, B. (2006b): Methodische Konzepte der TelefonSeelsorge im Internet. In: e-beratungsjournal, 2. Jahrgang, Heft 2, Artikel 3
Koch, B. (2009): Ist Online-Coaching „richtiges“ Coaching?, In: e-beratungsjournal, 5. Jahrgang, Heft 1, Artikel 6

Websites
www.dgsv.de/supervision/ [zuletzt gelesen am 20.12.2012]
www.ifs-essen.de/uploads/media/Aufsatz_von_Bernd_Reiners_Supervision_von_Online-Beratung.pdf , S. 13f [zuletzt gelesen am 09.01.2013]
http://www.psychologie.ch/de/publikationen/dokumentation/reglemente/kompetenz_online.html [zuletzt gelesen am 21.12.2012]


[1] Gemeint ist hier die webgestützte Einzelberatung die häufig als E-Mail-Beratung bezeichnet wird, bei der aber die Daten auf einem Server gespeichert werden und nicht wie bei einer normalen E-Mail über mehrere Server verschickt werden. Bei einer seriösen E-Mail-Beratung handelt es sich immer um eine SSL-verschlüsselte Variante, die den aktuellen Sicherheitsbestimmungen des Datenschutzes entspricht.