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Kleiner Podcast zum Thema „Vielschreibende Ratsuchende“

Da ich in den letzten Wochen in verschiedenen Supervisionskontexten mit Onlineberater*innen immer wieder mit dem Thema „Wie gehen wir mit Klient*innen um, die viel schreiben“ konfrontiert wurde, habe ich hierzu mal einen kleinen Podcast aufgenommen.

Ein paar Ideen und Anregungen stecken darin, vor allem aber ein paar Impulse zur Selbstreflexion. Vielleicht sind „Vielschreiber*innen“ ja auch richtig tolle Ratsuchende 😉

Viel Spaß beim Zuhören!

Was bringt 2020?

Für mich zunächst einmal ein paar berufliche Veränderungen. Neben der Geschäftsführung im Institut für E-Beratung (die ich ab Januar auf eine halbe Stelle reduziere) und der Tätigkeit als (Online-)Supervisorin und Trainerin für den Themenkomplex „Beratung und Digitalisierung“, werde ich in 2020 auch wieder mehr „offline“ arbeiten.

Ganz konkret bedeutet dies, dass ich freiberuflich als Dozentin für Systemische Beratung & Therapie tätig sein werde, was ich insofern spannend finde, weil es in den Seminaren, die ich übernehme, so gut wie gar nicht um „Digitales“ geht, sondern doch um ganz analoge Beratungsvorgänge. Für mich ist das eine schöne Herausforderung, da es bedeutet, dass ich mich nach vielen Onlineberatungsjahren jetzt wieder einmal ganz bewusst der face-to-face Beratung, bzw. der Vermittlung von Kompetenzen für diese, widme. Aktuell heißt das vor allem: Lesen, lesen, lesen… Ich muss mir wieder ein bisschen Wissen drauf schaffen und auch die Seminare wollen ganz anders konzipiert werden, als bei Onlineberatungsthemen, wo an irgendeiner Stelle dann ein Text und/oder Rechner zum Einsatz kommt.
Ich freue mich total darauf, mit ganz vielen tollen systemischen Kolleg*innen zusammen arbeiten zu dürfen und vor allem erstmal wieder ganz viel zu lernen (als Beisitzerin in den Weiterbildungsdurchgängen bei der WISPO)!

Eigentlich wollte ich in Sachen „Digitale Beratung“ in diesem Jahr auch in die Beratung per Video einsteigen und damit ein bisschen herumexperimentieren. Da ich Ende letzten Jahres aber nicht genügend Zeit hatte, das Ganze vernünftig vorzubereiten, schiebe ich das noch eine bisschen und hoffe im Frühjahr/Frühsommer eine Entscheidung für Software und Konzeption getroffen zu haben. Nach wie vor wird das Format Video relativ wenig genutzt, aber auch hier wird sich in den nächsten Jahres einiges bewegen, wie aktuelle Entwicklungen bei einigen Trägern vermuten lassen.

Aber – und das ist eine für mich ganz interessante Selbsterkenntnis der letzten Wochen – ich merke, dass mein Herzensthema Onlineberatung sich für mich in den letzten ein bis zwei Jahren ganz stark gewandelt hat. Schon etwas davor, als ich angefangen habe, mich intensiver mit Blended Counseling zu befassen, hat dieser Veränderungsprozess begonnen und ich habe deutlich gespürt, dass meine zweite Leidenschaft ganz sicher das „klassische“ face-to-face-Beratungsgespräch ist. Gerade die Verschmelzung/Kombination unterschiedlicher Kommunikationskanäle zur Gestaltung des Gesprächs, aber auch der Einsatz digitaler Tools in der Präsenz-Beratung faszinieren mich immer mehr. Das ist  für mich als eine, die zeitlich gesehen wohl noch zur „Pioniertruppe“ der Onlineberatung gehört, eine gute Entwicklung, weil ich nicht bei der Onlineberatung stehen geblieben bin, sondern die Möglichkeit hatte die Thematik weiter auszudifferenzieren. Und nicht zuletzt hat da das Buzzword „Digitalisierung“ seinen Anteil geleistet, weil es eben um viel mehr als „online zu beraten“ geht.

Was ich gerade lese/lesen werde (ich bekomme von dem Verlag nichts dafür, dass ich die Titel hier poste):

 

Da ich gefühlt den halben Januar im Zug verbringen werde – genug Lesestoff und Zeit! Und vielleicht auch zum Bloggen – ich geb mir Mühe 😉

Das eigene Mediennutzungsverhalten – eine Selbstreflexion

Gerade sitze ich im Zug auf dem Weg nach München. Auf den Ohren die Kopfhörer, um Musik zu hören, das Smartphone am Tisch im Lademodus und der Laptop vor der Nase, um diesen Blogbeitrag zu schreiben.

Tatsächlich entsteht dieser Beitrag, da ich ein wenig ein schlechtes Gewissen habe… Den Blog habe ich in den letzten Monaten zunehmend weniger bespielt, obwohl ich sogar extra vor einiger Zeit die Domain http://www.onlinecoachingblog.net gekauft habe, um auf den ganzen Werbekram hier verzichten zu können.

Ähnliches passiert auf meinem Twitteraccount, den ich eine ganze Weile doch recht intensiv genutzt habe und als eine gewinnbringende Möglichkeit empfunden habe, um kurze Mitteilungen los zu werden, über Themen und Menschen, die mich interessieren informiert zu bleiben und die Community zu nutzen, wenn eine Frage schnell geklärt werden sollte (noch nie hatte ich so schnell fünf mögliche Seminarräume in HH, wie in den 10 Minuten nachdem ich auf twitter nach Empfehlungen gefragt hatte!). Aber auch auf twitter bin ich inzwischen weniger aktiv, lese zwar noch hier und da mit, aber verfolge nicht mehr täglich, was in meiner timeline los ist.

Gestern Abend habe ich dann einen „Creator“-Account bei Instagram eröffnet. Das nächste Social Media Tool, dass ich nun mal teste und nutze. Teil des Problems oder Teil der Lösung? Diese Frage beschäftigt mich gerade und eine Antwort wird wohl erst in den nächsten Wochen entstehen. Gleichwohl frage ich mich, ob ich einfach nach einer Weile das Interesse an der Nutzung dieser Kanäle verliere oder ob es die Folge einer Überforderung durch zu viele Kommunikationskanäle ist. Wo muss und will ich überall dabei sein und worauf kann ich gut verzichten? Wo sind „die Anderen“ und was verpasse ich, wenn ich nicht dabei bin? Und wieviel Zeit will ich mit Social Media verbringen?

Hinter allem steckt natürlich mein berufliches und persönliches Interesse an (digitaler) Kommunikation und dem, was mit den unterschiedlichen Plattformen transportiert werden kann. So erlebe ich es gerade auch als eine ganz neue Herausforderung für Instagram eine Bildsprache zu entwickeln, die Menschen dazu anregt, die Texte zu lesen, die ich unter den Bildern poste. Und ich stelle fest, dass gerade Instagram für mich auch persönlich eine Funktion hat: Es verhält sich wie ein Photoalbum, in dem ich dokumentieren kann, was ich wo gemacht habe – erstmal ohne den Anspruch, dass es jemanden anderen interessieren mag.

Immerhin hat die Hinzunahme eines weiteren Social Media Kanals auch dazu geführt, dass ich mal wieder gebloggt habe 😉 Insofern: Schauen wir mal, was sich daraus in den nächsten Wochen und Monaten ergibt. Und wer mag: Folgen kann man mir auf Instagram natürlich auch (username: emily.m.engelhardt)

Status: Beschäftigt!

Momentan bleibt leider viel zu wenig Zeit, um den Blog hier angemessen zu bespielen. Das bedauere ich auf der einen Seite, auf der anderen Seite sind die Gründe für das Nicht-Schreiben aber spannende Projekte und Aufgaben, die momentan einfach viel Zeit in Anspruch nehmen.

Seit dem Sommer befinde ich mich in der Ausbildung zur Lehrenden Systemischen Beraterin bei der WISPO AG, für die auch als Dozentin und Supervisiorin schon das eine oder andere Seminar übernehme. Eine sehr bereichernde Aufgabe, bei der ich viel Neues lerne, aber auch das, was ich kann, weitergeben darf.

Das Podcasten (siehe hier) ist auch nicht ganz unaufwändig, macht aber riesigen Spaß. Am Freitag veröffentlichen wir unsere 10. Folge – es gab in den letzten Wochen viele spannende Begegnungen und Interviews mit Regenbogenfamilien, Beratungsfachkräften und jungen Menschen aus der LGBTQ+ Community. Die Resonanz, die wir für dieses kleine Projekt bekommen ist überwältigend und treibt und an, weiter zu machen.

Aktuell steht aber das 12. Fachforum Onlineberatung vor der Tür und ich werde nächste Woche (16./17.09.2019) versuchen zumindest per twitter (#ffob2019) aktiv zu sein und im Anschluss hier auch ein bisschen zu dokumentieren.

Auch wenn es hier ein bisschen ruhiger ist…ich freue mich, dass meine Follower nicht weniger geworden sind und hoffe, dass ich in den nächsten Monaten zumindest ab und an wieder ein bisschen mehr Inhaltliches hier veröffentlichen kann.

 

12. Fachforum Onlineberatung – Programm jetzt online

Am 16./17.09.2019 ist es wieder soweit: Zum 12. Mal veranstaltet das Institut für E-Beratung gemeinsam mit der Onlineberatung der Caritas, der BKE Onlineberatung, SEXTRA (pro familia) und der DGOB die größte Tagung zur Onlineberatung im deutschsprachigen Raum.

Unter der Überschrift „Soziale Innovation braucht Onlineberatung“ wird an zwei Tagen in Nürberg in Vorträgen und Workshops diskutiert und genetzwerkt. Weil ich jeden einzelnen Workshop richtig gut und empfehlenswert finde, hier die ganze Themenübersicht:

 Außerdem gibt es in diesem Jahr vor dem Start des Fachforums am Montagmorgen einen „Einsteiger-Workshop“ für Neulinge in der Onlineberatung, der von Petra Risau und Stefan Kühne angeboten wird.

Alle Infos zum Programm, den Referent*innen und das Anmeldeformular findet man unter www.fachforum-onlineberatung.de

Also: Anmelden und dabeisein!! 🙂

Webserie DRUCK – ein Beispiel für mediatisierte Lebenswelten

Heute ist es soweit: Die 3. Staffel der Webserie DRUCK endet und die Zuschauer*innen-Community, die sich „druckaddicts“ nennen leidet. Auf twitter und diversen tumblr Seiten wird getrauert und gleichzeitig Dankbarkeit für die letzten 10 Wochen, in denen die 3. Staffel lief, zum Ausdruck gebracht.

DRUCK ist ein Remake der norwegischen TV- und Webserie SKAM, die zwischen 2015 und 2017 ausgestrahlt wurde und mit im Schnitt 1,2 Mio Zuschauer*innen als die erfolgreichste norwegische Webserie aller Zeiten gilt und auch beachtliche Abrufe der Episoden in der Mediathek des ausstrahlenden Senders vorweisen kann.

Das Konzept von SKAM/DRUCK ist simple und bestechend zugleich: Jede Staffel wird aus der Sicht einer*eines Hauptcharakterin*Hauptcharakters erzählt. Über die Woche verteilt werden in Echtzeit kurze Clips bei YouTube veröffentlicht, am Freitag werden diese zu einer Episode zusammengefügt und durch einen weiteren Clip ergänzt. Man kann also wählen, ob man über die Woche die Serie „live“ mitverfolgt oder bis Freitag wartet um eine 20-30 minütige Folge zu schauen.

Der Reiz des Serienkonzepts liegt aber in der Tat im mitverfolgen der einzelnen Clips. Und hierzu nutzt DRUCK unterschiedliche Social Media Kanäle: Die Hauptcharaktere verfügen über Instagram-Profile über die weiterer Content zwischen den Clips publiziert wird und die Zuschauer*innen können über eine WhatsApp-Gruppe Chatverläufe „mitlesen“ und erhalten Benachrichtigungen, wenn ein neuer Clip erscheint. Produziert wird DRUCK von Bantry Bay im Auftrag von funk (ARD/ZDF) unter der Regie von Pola Beck (Am Himmel der Tag).

Was bringt mich nun aber dazu, hierüber zu schreiben? Faszinierend am Konzept von DRUCK ist, was „drumherum“ passiert. In der aktuellen Staffel, die heute Abend mit der letzten Episode zu Ende gehen wird, geht es um Matteo (Michelangelo Fortuzzi, der die Hauptrolle im vielbeachteten Film „Alles Isy“ spielt). Der seit der 2. Staffel gefühlt dauerbekiffte Abiturient hadert mit seiner sexuellen Orientierung und verliebt sich in David (Lukas von Horbatschewsky) , einem etwas mysteriösen Jungen, der – so ahnt die Community schnell – ein Geheimnis mit sich trägt.

Und hier geht’s los: Über die Kommentarspalten bei YouTube, Instagram sowie bei Twitter #druck und tumblr wird eifrig diskutiert. Ist David bipolar, so wie Even im norwegischen Original? Hat Matteo ein Drogenproblem und ist zudem depressiv? Zu allem Überfluss schreiben alle gerade Abi. Wenn also am Montagmorgen ein Clip erscheint, in dem die Protagonisten gerade in die Schule gehen, um die nächste Klausur zu schreiben, sind sie nah an den Zuschauer*innen, die ebenfalls gerade in den Abiprüfungen stecken. In den Kommentaren sprechen sich die Zuschauer*innen gegenseitig Mut zu: „Mir geht’s wie Matteo, ich schreib heut auch Spanisch“ schreibt Eine, worauf hin der Nächste antwortet „Das schaffst Du!“.

Nach einigen Wochen lüftet David sein Geheimnis: Er ist transgender. Der Großteil der Zuschauer*innen hatte dies schon vermutet, zumal in den Sozialen Medien schon Infos kursierten, dass der Darsteller von David tatsächlich selbst trans sei. Dies ist ein großer Pluspunkt der Serie: es wird großer Wert auf Authentizität der Charaktere gelegt.
Ab dieser Folge nimmt die Diskussion in den Social Media Kanälen eine spannende Wendung: Das Thema Transidentität – im TV nach wie vor komplett unterrepräsentiert – rückt in den Mittelpunkt und die Community setzt sich neugierig, interessiert und größtenteils sehr sensibel damit auseinander (was nicht zuletzt der ebenso sensiblen wie authentischen Realisierung durch die Schauspieler*innen und Regie zu verdanken ist). Der Anteil an hate-speech in den YouTube Kommentaren ist vergleichsweise gering und wird von der Community selbst abgestraft – wer diskriminierende Kommentare loslässt wird sogleich von anderen Nutzer*innen zur Ordnung gerufen.
Es entspinnen sich so auf YouTube auch ganze Kommentarstränge, in denen Zuschauer*innen die selbst trans sind anderen Rede und Antwort stehen oder einfach „nur“ Bestärkung erhalten, dass sie gut sind, wie sie sind oder man ihren Weg respektiert.

DRUCK schafft so etwas ganz spannendes: Eine zunächst einmal auf Unterhaltung angelegte Serie geht in die Tiefe und regt dazu an, sich mit unterschiedlichen Themen auseinander zu setzen (in Staffel 2 z. B. „me too“, in Staffel 1 das große Thema „Vertrauen“). Durch die hohe Identifikationskraft der jugendlichen Schauspieler*innen, fühlen sich die Zuschauer*innen in unterschiedlichster Form repräsentiert und teilen ihre eigenen Erfahrungen und Lebenswelten mit den anderen in der Community. Die Diskussionen drehen sich so auch um mehr als nur die veröffentlichten Clips, sondern auch um die Bedeutung von Davids Instagram Posts oder die Chatverläufe von Matteo Freunden. Nach Aussage der Social Media Crew, die alle Kanäle bespielt, werden die Kommentare der Zuschauer*innen alle gelesen und deren Wünsche und Anregungen – soweit möglich – in die Serie eingebracht (siehe hierzu den TINCON Talk mit einer Redakteurin und einem Produzenten vom DRUCK Team)

Das Ganze wird noch getoppt durch den länderübergreifenden Austausch, der über DRUCK erfolgt. Die deutsche Fassung ist nämlich nur eines von vielen Remakes über die die Community diskutiert: Es gibt weitere remakes SKAM-Originals, z. B. in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Italien. So findet auf Twitter der Austausch vor allem auf Englisch statt und auf der tumblr Seite drucktranslations hat es sich eine kleine Gruppe zur Aufgabe gemacht, alle Clips mit Untertiteln zu versehen und ins Netz zu stellen, damit auch fremdsprachige Zuschauer*innen die Serie verfolgen können. In den Diskussionen über die unterschiedlichen remakes werden so auch Fragen zu sprachlichen Ausdrücken („wtf does ’na‘ even mean!?“) beantwortet.

Was kann man nun mit alldem anfangen? Die Clips aus den drei bislang veröffentlichten Staffeln lassen sich aus meiner Sicht ganz vielfältig nutzen. Die Repräsentation der Lebenswelt dieser Zielgruppe (wohlgemerkt Abiturient*innen) bietet ein hohes Maß an Authentizität und ermöglicht so einen Einblick in diese. Die kurzen Clips könnten im Unterricht genutzt werden, um Diskussionen über unterschiedliche Themen anzuregen. Und auch in Beratungskontexten wäre denkbar, gemeinsam einen Clip anzuschauen und darüber zu sprechen. Es scheint, dass sich gerade junge Zuschauer*innen von den Charakteren angesprochen fühlen, die nicht perfekt geschminkt, sondern auch pickelig und mit nicht an Germanys Next Topmodel angelehnten Körpermaßen vor der Kamera agieren. Liest man die Kommentare zur Serie aufmerksam wird aber auch deutlich, dass die Zuschauer*innen nicht nur im Teeniealter sind, sondern durchaus auch ältere Altersgruppen vertreten sind.

Auf twitter bereitet sich die Community gerade darauf vor, heute Abend von ‚Davenzi‘ (so der shipname von Matteo und David) Abschied zu nehmen. Man findet Kommentare, wie „Noch nie habe ich von einer Serie so viel gelernt“ oder „bitte folgt mir, ich brauche Leute, die sich mit mir weiter austauschen“ oder „gemeinsam stehen wir das durch“.

Mal sehen, was das Staffelfinale heute Abend bringt – es wird ein Happy End erwartet und eine „große Botschaft“. Im Original was dies „Alt er Love“ – bislang hat DRUCK seine Zuschauer*innen jedoch immer überrascht. Es bleibt also spannend und Staffel 4 ist schon bestätigt. Dranbleiben lohnt sich… 🙂

Fachtag der DGSF zum Digitalen Wandel in der systemischen Praxis & Lehre

Mit etwas Verzögerung komme ich endlich dazu ein paar Zeilen zu dem wirklich anregenden Fachtag des Fort- und Weiterbildungausschusses (FWA) der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie e. V (DGSF) zu schreiben. Gemeinsam von FWA und Fachgruppe „Onlineberatung und Medien“ der DGSF organisiert, wurde am 7./8. April 2019 in Karlsruhe an zwei intensiv über die Auswirkungen, Chancen und „Gefahren“ der digitalen Transformation für Systemische Praxis und Lehre diskutiert und in Arbeitsgruppen Wissen geteilt.

Ich durfte zu diesem Anlass die Keynote sprechen und habe versucht in meinem Vortrag „Systemische Praxis und Lehre im digitalen Wandel – Wohin bewegt sich die Systemische Beratung?“ ein paar Impulse zu setzen und – wie es sich als Systemikerin gehört – die eine oder andere Verstörung auszulösen.

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Im Anschluss wurde in zwei Workshoprunden zu verschiedenen Themen gearbeitet. So haben Kerstin Lambert (WISPO) und Peter Martin Thomas (Praxis Institut) in ihrem Workshop ganz konkret vorgestellt, wie bereits in der Systemischen Lehre mit digitalen Tools und Lernplattformen gearbeitet wird. Bei Sabine Gottschalk wurde in Form eines Tetra Lemmas sichtbar, wie Systemische Onlineberatung in der Praxis aussieht. Am zweiten Tag stellte Prof.’in Martina Hörmann (FHNW) Anforderungen und Kompetenzen an Beratende im Medienzeitalter vor. Und bei Prof. Marc Weinhardt (FH Darmstadt) gab es spannende Einblicke in digitale Lehr-/Lernformate.
Valentin Frangen stellte zudem die spannenden Ergebnisse seiner Bachelor-Arbeit zum Kompetenzempfinden von Beratenden vor dem Hintergrund der digitalen Transformation vor.

Bereits am ersten Tag gab es eine angeregte Diskussion nach meiner Keynote, die sich – angereichert durch die Workshops – am zweiten Tag im Rahmen der Abschluss-Podiumsdiskussion vertiefte. Für mich waren die wesentlichen Erkenntnisse:

  • in der DGSF liegt ein große Bereitschaft, ja Neugier vor, sich mit den Herausforderungen, Chancen und „Gefahren“ der digitalen Transformation zu befassen
  • es findet ein Generationenwechsel statt – dieser wird aber auch von den „Alten“ (wie wir von Valentin lernen durften „ab 40-Jährigen“ 😉 ) mit begleitet und gestaltet wird
  • es gibt Skeptiker und „Bewahrer“ – diese sind wichtig in jedem System
  • es geschieht schon mehr, als manchen bewusst und bekannt ist – wir müssen darüber sprechen!

Die gesamte Tagungsdoku sowie ein weiterer Bericht von Marc kann online nachgelesen werden! Und auch auf dem YouTube Channel der DGSF ist einiges spannendes zum Anschauen und Zuhören 🙂

Störungen in der Onlineberatung

Das mit den Störungen ist ja immer so eine Sache – aber sie haben natürlich Vorgang (vgl. Ruth Cohn, TZI). Letzte Woche hatte ich zum Thema Beziehungsgestaltung online gebloggt und angekündigt, diese Woche das Thema „Störungen“ aufzugreifen.

In einem Onlineberatungsgespräch (und ich schreibe ich von textgebundener Onlineberatung, also einem Mail-, Foren- oder Chatkontakt) sind Störungen manchmal gar nicht so leicht zu bearbeiten. Ich glaube, es gibt hierfür mehrere Gründe. Einer ist aber vermutlich, dass wir uns in einem geschriebenen Gespräch noch mehr an einzelnen Worten festhalten und den wortwörtlich festgehaltenen Gesprächsablauf immer wieder zur Hand nehmen können. Dies ist einerseits vorteilhaft, weil es uns ermöglicht, uns selbst beim Beraten zu beobachten (und zu hinterfragen), gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass wir manchmal etwas zu tief in die Kommunikation eintauchen und jedes Wort drehen und wenden können.

Was gibt es nun aber möglicherweise für „Störungen“ in der Onlineberatung? Ich möchte mal vier Szenarien anbieten:

  • Das Sympathie-Problem
  • Die mangelnde Kooperationsbereitschaft
  • Der Fake-Verdacht
  • Die Beziehungsverschiebung

Das Sympathie-Problem
Menschen sind uns nicht immer sympathisch. In der Präsenzberatung taucht dieses Problem manchmal schon in dem Moment auf, wo der*die Ratsuchende den Raum betritt und beide Seiten sich zum ersten Mal sehen.
Texte sind uns auch nicht immer sympathisch! Und das ist ein kleines Paradoxon der Onlineberatung: Hier treffen ja zunächst einmal Texte aufeinander oder vielmehr ein Text trifft mit einem*r Leser*in zusammen. Dies beschreiben wir oftmals als eine Stärke der Onlineberatung, weil wir eben nicht durch ablenkende Hinweisreize in eine Richtung gedrängt werden – ich treffe nicht auf einen Menschen, sondern auf ein Produkt das er erschaffen hat.

Gleichwohl kann es eben sein, dass ich mit einem Text einfach nicht „warm“ werde. Was kann ich also tun? Hilfreich ist hier aus meiner Sicht, einmal ganz bewusst unterschiedliche Lesetechniken anzuwenden, wie sie Alexander Brunner (2006) in seinem Artikel „Methoden des digitalen Lesens und Schreibens in der Online-Beratung“ (Ich gehe an dieser Stelle nicht ausführlicher hierauf ein, da der Artikel lesenswert ist und die Methodik umfassend erklärt)

Die mangelnde Kooperationsbereitschaft
Der*die Ratsuchende macht einfach nicht mit! Na sowas! 🙂
Zeigen Ratsuchende Widerstände, so sollte ich darin nicht „Beratungsresistenz“ vermuten, sondern zunächst einmal davon ausgehen, dass diese Widerstände einen Nutzen haben. Mangelende Kooperationsbereitschaft gibt es eigentlich nicht – und wenn doch, so hat sie einen guten Grund!
Fragen, die ich als Berater*in mir in diesem Moment stellen muss: Habe ich den Auftrag geklärt? Bin ich an den Zielen und Wünschen des*der Ratsuchenden orientiert oder verfolge ich vielleicht eigene Ziele?
Hilfreich ist es aus meiner Sicht in solchen Situationen auch einfach einmal auf die Meta-Ebene zu wechseln: Wenn es mir gelingt dem*der Ratsuchenden meine Irritationen mitzuteilen kann hierüber auch wieder ein Austausch und eine Klärung erfolgen.

Der Fake-Verdacht
In der Onlineberatung wird immer wieder über das Thema „fake“ diskutiert – und der fake-Begriff hat nicht zuletzt durch Donald Trump oder Pegida, AfD und Co. inzwischen eine Bedeutung erhalten, so dass ich ihn eigentlich gar nicht mehr benutze.
Gemeint ist aber letztlich der Moment, in dem wir als Beratende stark anzweifeln, was uns der*die Ratsuchende mitteilt. Der Text bietet sich natürlich an, um Widersprüche aufzudecken und Ungereimtheiten zu entdecken. Beim Gespräch bleiben hingegen nur einzelne Worte hängen und meine subjektive Dokumentation in Form eines Gedächtnisprotokolls.
Werde ich also in der Onlineberatung mit diesem „Unwahrheits-Gefühl“ konfrontiert bieten sich aus meiner Sicht folgende Schritte an: Zunächst überprüfe ich, welche Rolle die Ungereimtheiten spielen – was will mir der*die Ratsuchende ggf. mitteilen? Geht es um eine Inszenierung, die der*die Ratsuchende in diesem Kontext bewusst nutzen kann (und darf!)? Dann spreche ich ggf. meine Unsicherheiten an. Hierbei muss es mir gelingen deutlich zu machen, dass mein Vertrauen weiter gilt, ich aber mit den Störungen die entstanden sind, nicht gut weiterberaten kann. Wenn es mir gelingt dem*der Ratsuchenden eine Brücke zu bauen, die es ihm*ihr ermöglichst, sich ggf. neu zu öffnen, kann der Kontakt auch nach einer solchen Phase gestärkt weitergeführt werden.

Die Beziehungsverschiebung
Oder: Wenn aus Onlineberatung eine digitale Brieffreundschaft wird. Es gibt Beratungen, die machen unendlich viel Freude – und so laufen sie dann vielleicht auch unendlich lang weiter. Liegt aber kein Beratungsauftrag mehr vor oder bin ich tief enttäuscht, wenn mein*e Ratsuchende*r nicht zur gewohnten Zeit eine Antwort sendet, steht eine gute Selbstreflexion an! Ab zur Supervision und klären, was da los ist! Das ist jedem*jeder von uns schon einmal passiert – aber es bedarf einer guten Klärung und dann auch eines Berater*innenwechsels oder Beratungsabschlusses.

Störungen gehören zur Onlineberatung dazu – sie können aber online genauso gelöst werden (oder nicht), wie offline.

Podcast „LandschaftsgärtnerInnen der Neurosen“

Christina Frank und Gerhard Hintenberger führen in einer neuen Folge ihres Podcasts „LandschaftsgärtnerInnen der Neurosen“ ein Gespräch mit der Psychoanalytikerin Evelyn Böhmer-Laufer über ihr Projekt „Peacecamp“. Israelische und palästinensische Jugendliche aus Israel, Jugendliche aus Ungarn und Österreich sowie geflüchtete Jugendliche beschäftigen sich jedes Jahr 10 Tage lang gemeinsam aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Methoden mit dem Thema „Frieden“.

Reinhören hier: