Corona-Reflexion, Teil 2

Nun sind schon wieder fast 7 Wochen vergangen, seit ich das letzte Mal hier darüber schrieb, was sich bei mir durch die irre Corona-Situation (gibt es irgendein gute Wort dafür!?) getan hat. Zeit mal wieder kurz durchzuschnaufen und zu schauen, was heute ist.

Und eigentlich beschreibt das „durchschnaufen“ schon ganz gut die Situation. Mein Eindruck ist, dass sich die erste hektische Phase des „Wir müssen jetzt unbedingt auch alle online beraten können!“ ein bisschen gelegt hat. Inzwischen gehen natürlich auch einige Einrichtungen schon wieder zurück in die Präsenzberatung und dennoch beschäftigen sich viele noch mit der Frage „Was sollen wir tun, wenn ein zweiter Lockdown kommt?“.

Aus meiner Perspektive ist dies wieder zu kurz gedacht: Nur zu reagieren (und sich ggf. jetzt mal ein bisschen darauf vorzubereiten), weil eine Situation die anderen Möglichkeiten des Arbeitens beschränkt, halte ich weder für die beraterische Arbeit, noch für diejenigen, die auf diese angewiesen sind und/oder sie in Anspruch nehmen möchten für besonders zielführend. Insofern begrüße auch auch die durchaus sehr differenzierten Auseinandersetzungen mit der Situation, die eher langfristige Perspektiven des Beratens in einer digitalen Welt betrachten – ganz unabhängig von Coronaviren und deren Folgen.

Und so höre ich inzwischen auch vermehrt Stimmen, die eher diskutieren möchten, was man aus den letzten Wochen lernen kann, wie man die Erfahrungen nun reflektiert bewerten und daraus Strategien und Konzepte für die Zukunft entwickeln kann. Nicht in erster Linie, um für einen zweiten ‚lock down‘ gewappnet zu sein, sondern vielmehr, um die Dinge auf Spur zu bringen, die ohnehin schon angestanden hätten.

Sorge bereitet mir nach wie vor der Umgang mit Standards und Qualität. Während in vielen Bereich Datenschutz und Beratungsqualität (hinterlegt mit einer entsprechenden Qualifizierung für das eigene Tun) schon immer als ‚das Wichtigste überhaupt!‘ benannt wurden, scheinen im digitalen Raum nun andere Regeln zu gelten – manchmal nämlich: gar keine.

Wir haben die letzte 20 Jahre so vieles für die Qualität von Onlineberatung und entsprechende Standards in diesem Feld getan – hier muss nun gut aufgepasst werden, dass nicht Beliebigkeit und Wildwuchs Überhand gewinnen.

Insofern müssen sich Entscheider*innen in den Organisationen dafür einsetzen, dass Beratungsfachkräfte qualifiziert werden, technologische Voraussetzungen geschaffen werden und Qualitätsstandards diskutiert und umgesetzt werden. Hier muss das Rad nicht neu erfunden werden – es gibt ja schon alles Mögliche hierzu!

Die Beratungsfachgesellschaften müssen sich ebenso positionieren und – auch in ihrem eigenen Interesse – Anforderungen definieren, die von Beratenden zu erfüllen sind. Hierzu gehören Ethikrichtlinien, wie beispielsweise bei der DGSF:

„Bei der medial vermittelten Form der Beratung bedarf es dabei der Aneignung grundlegender Kompetenzen in Bezug auf das genutzte Beratungsmedium sowie einer medienspezifischen fachlichen Auseinandersetzung und Reflexion dieser Beratungsprozesse.“

Und auch wenn ich vollstes Verständnis für die vielen selbständig beratend tätigen Personen habe, denen durch die Beschränkungen der vergangenen Wochen Existenznot droht(e): Auch diese müssen daran interessiert sein, sich entsprechend zu qualifizieren, um die Menschen, die sie begleiten weiterhin fachlich gut zu beraten!

Vieles tut sich: Weiterbildungsinstitute nehmen Onlineberatungs-Fortbildungen in ihr Programm auf, Fachverbände stellen Infos zur Verfügung, Organisationen qualifizieren Mitarbeiter*innen…

Und dennoch gibt es weiterhin viel zu tun. Es wird kein „nach Corona können wir endlich wieder ’normal‘ beraten“ geben – wer das noch denkt hat wirklich nichts kapiert.