Webserie DRUCK – ein Beispiel für mediatisierte Lebenswelten

Heute ist es soweit: Die 3. Staffel der Webserie DRUCK endet und die Zuschauer*innen-Community, die sich „druckaddicts“ nennen leidet. Auf twitter und diversen tumblr Seiten wird getrauert und gleichzeitig Dankbarkeit für die letzten 10 Wochen, in denen die 3. Staffel lief, zum Ausdruck gebracht.

DRUCK ist ein Remake der norwegischen TV- und Webserie SKAM, die zwischen 2015 und 2017 ausgestrahlt wurde und mit im Schnitt 1,2 Mio Zuschauer*innen als die erfolgreichste norwegische Webserie aller Zeiten gilt und auch beachtliche Abrufe der Episoden in der Mediathek des ausstrahlenden Senders vorweisen kann.

Das Konzept von SKAM/DRUCK ist simple und bestechend zugleich: Jede Staffel wird aus der Sicht einer*eines Hauptcharakterin*Hauptcharakters erzählt. Über die Woche verteilt werden in Echtzeit kurze Clips bei YouTube veröffentlicht, am Freitag werden diese zu einer Episode zusammengefügt und durch einen weiteren Clip ergänzt. Man kann also wählen, ob man über die Woche die Serie „live“ mitverfolgt oder bis Freitag wartet um eine 20-30 minütige Folge zu schauen.

Der Reiz des Serienkonzepts liegt aber in der Tat im mitverfolgen der einzelnen Clips. Und hierzu nutzt DRUCK unterschiedliche Social Media Kanäle: Die Hauptcharaktere verfügen über Instagram-Profile über die weiterer Content zwischen den Clips publiziert wird und die Zuschauer*innen können über eine WhatsApp-Gruppe Chatverläufe „mitlesen“ und erhalten Benachrichtigungen, wenn ein neuer Clip erscheint. Produziert wird DRUCK von Bantry Bay im Auftrag von funk (ARD/ZDF) unter der Regie von Pola Beck (Am Himmel der Tag).

Was bringt mich nun aber dazu, hierüber zu schreiben? Faszinierend am Konzept von DRUCK ist, was „drumherum“ passiert. In der aktuellen Staffel, die heute Abend mit der letzten Episode zu Ende gehen wird, geht es um Matteo (Michelangelo Fortuzzi, der die Hauptrolle im vielbeachteten Film „Alles Isy“ spielt). Der seit der 2. Staffel gefühlt dauerbekiffte Abiturient hadert mit seiner sexuellen Orientierung und verliebt sich in David (Lukas von Horbatschewsky) , einem etwas mysteriösen Jungen, der – so ahnt die Community schnell – ein Geheimnis mit sich trägt.

Und hier geht’s los: Über die Kommentarspalten bei YouTube, Instagram sowie bei Twitter #druck und tumblr wird eifrig diskutiert. Ist David bipolar, so wie Even im norwegischen Original? Hat Matteo ein Drogenproblem und ist zudem depressiv? Zu allem Überfluss schreiben alle gerade Abi. Wenn also am Montagmorgen ein Clip erscheint, in dem die Protagonisten gerade in die Schule gehen, um die nächste Klausur zu schreiben, sind sie nah an den Zuschauer*innen, die ebenfalls gerade in den Abiprüfungen stecken. In den Kommentaren sprechen sich die Zuschauer*innen gegenseitig Mut zu: „Mir geht’s wie Matteo, ich schreib heut auch Spanisch“ schreibt Eine, worauf hin der Nächste antwortet „Das schaffst Du!“.

Nach einigen Wochen lüftet David sein Geheimnis: Er ist transgender. Der Großteil der Zuschauer*innen hatte dies schon vermutet, zumal in den Sozialen Medien schon Infos kursierten, dass der Darsteller von David tatsächlich selbst trans sei. Dies ist ein großer Pluspunkt der Serie: es wird großer Wert auf Authentizität der Charaktere gelegt.
Ab dieser Folge nimmt die Diskussion in den Social Media Kanälen eine spannende Wendung: Das Thema Transidentität – im TV nach wie vor komplett unterrepräsentiert – rückt in den Mittelpunkt und die Community setzt sich neugierig, interessiert und größtenteils sehr sensibel damit auseinander (was nicht zuletzt der ebenso sensiblen wie authentischen Realisierung durch die Schauspieler*innen und Regie zu verdanken ist). Der Anteil an hate-speech in den YouTube Kommentaren ist vergleichsweise gering und wird von der Community selbst abgestraft – wer diskriminierende Kommentare loslässt wird sogleich von anderen Nutzer*innen zur Ordnung gerufen.
Es entspinnen sich so auf YouTube auch ganze Kommentarstränge, in denen Zuschauer*innen die selbst trans sind anderen Rede und Antwort stehen oder einfach „nur“ Bestärkung erhalten, dass sie gut sind, wie sie sind oder man ihren Weg respektiert.

DRUCK schafft so etwas ganz spannendes: Eine zunächst einmal auf Unterhaltung angelegte Serie geht in die Tiefe und regt dazu an, sich mit unterschiedlichen Themen auseinander zu setzen (in Staffel 2 z. B. „me too“, in Staffel 1 das große Thema „Vertrauen“). Durch die hohe Identifikationskraft der jugendlichen Schauspieler*innen, fühlen sich die Zuschauer*innen in unterschiedlichster Form repräsentiert und teilen ihre eigenen Erfahrungen und Lebenswelten mit den anderen in der Community. Die Diskussionen drehen sich so auch um mehr als nur die veröffentlichten Clips, sondern auch um die Bedeutung von Davids Instagram Posts oder die Chatverläufe von Matteo Freunden. Nach Aussage der Social Media Crew, die alle Kanäle bespielt, werden die Kommentare der Zuschauer*innen alle gelesen und deren Wünsche und Anregungen – soweit möglich – in die Serie eingebracht (siehe hierzu den TINCON Talk mit einer Redakteurin und einem Produzenten vom DRUCK Team)

Das Ganze wird noch getoppt durch den länderübergreifenden Austausch, der über DRUCK erfolgt. Die deutsche Fassung ist nämlich nur eines von vielen Remakes über die die Community diskutiert: Es gibt weitere remakes SKAM-Originals, z. B. in den Niederlanden, Frankreich, Spanien und Italien. So findet auf Twitter der Austausch vor allem auf Englisch statt und auf der tumblr Seite drucktranslations hat es sich eine kleine Gruppe zur Aufgabe gemacht, alle Clips mit Untertiteln zu versehen und ins Netz zu stellen, damit auch fremdsprachige Zuschauer*innen die Serie verfolgen können. In den Diskussionen über die unterschiedlichen remakes werden so auch Fragen zu sprachlichen Ausdrücken („wtf does ’na‘ even mean!?“) beantwortet.

Was kann man nun mit alldem anfangen? Die Clips aus den drei bislang veröffentlichten Staffeln lassen sich aus meiner Sicht ganz vielfältig nutzen. Die Repräsentation der Lebenswelt dieser Zielgruppe (wohlgemerkt Abiturient*innen) bietet ein hohes Maß an Authentizität und ermöglicht so einen Einblick in diese. Die kurzen Clips könnten im Unterricht genutzt werden, um Diskussionen über unterschiedliche Themen anzuregen. Und auch in Beratungskontexten wäre denkbar, gemeinsam einen Clip anzuschauen und darüber zu sprechen. Es scheint, dass sich gerade junge Zuschauer*innen von den Charakteren angesprochen fühlen, die nicht perfekt geschminkt, sondern auch pickelig und mit nicht an Germanys Next Topmodel angelehnten Körpermaßen vor der Kamera agieren. Liest man die Kommentare zur Serie aufmerksam wird aber auch deutlich, dass die Zuschauer*innen nicht nur im Teeniealter sind, sondern durchaus auch ältere Altersgruppen vertreten sind.

Auf twitter bereitet sich die Community gerade darauf vor, heute Abend von ‚Davenzi‘ (so der shipname von Matteo und David) Abschied zu nehmen. Man findet Kommentare, wie „Noch nie habe ich von einer Serie so viel gelernt“ oder „bitte folgt mir, ich brauche Leute, die sich mit mir weiter austauschen“ oder „gemeinsam stehen wir das durch“.

Mal sehen, was das Staffelfinale heute Abend bringt – es wird ein Happy End erwartet und eine „große Botschaft“. Im Original was dies „Alt er Love“ – bislang hat DRUCK seine Zuschauer*innen jedoch immer überrascht. Es bleibt also spannend und Staffel 4 ist schon bestätigt. Dranbleiben lohnt sich… 🙂