Störungen in der Onlineberatung

Das mit den Störungen ist ja immer so eine Sache – aber sie haben natürlich Vorgang (vgl. Ruth Cohn, TZI). Letzte Woche hatte ich zum Thema Beziehungsgestaltung online gebloggt und angekündigt, diese Woche das Thema „Störungen“ aufzugreifen.

In einem Onlineberatungsgespräch (und ich schreibe ich von textgebundener Onlineberatung, also einem Mail-, Foren- oder Chatkontakt) sind Störungen manchmal gar nicht so leicht zu bearbeiten. Ich glaube, es gibt hierfür mehrere Gründe. Einer ist aber vermutlich, dass wir uns in einem geschriebenen Gespräch noch mehr an einzelnen Worten festhalten und den wortwörtlich festgehaltenen Gesprächsablauf immer wieder zur Hand nehmen können. Dies ist einerseits vorteilhaft, weil es uns ermöglicht, uns selbst beim Beraten zu beobachten (und zu hinterfragen), gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass wir manchmal etwas zu tief in die Kommunikation eintauchen und jedes Wort drehen und wenden können.

Was gibt es nun aber möglicherweise für „Störungen“ in der Onlineberatung? Ich möchte mal vier Szenarien anbieten:

  • Das Sympathie-Problem
  • Die mangelnde Kooperationsbereitschaft
  • Der Fake-Verdacht
  • Die Beziehungsverschiebung

Das Sympathie-Problem
Menschen sind uns nicht immer sympathisch. In der Präsenzberatung taucht dieses Problem manchmal schon in dem Moment auf, wo der*die Ratsuchende den Raum betritt und beide Seiten sich zum ersten Mal sehen.
Texte sind uns auch nicht immer sympathisch! Und das ist ein kleines Paradoxon der Onlineberatung: Hier treffen ja zunächst einmal Texte aufeinander oder vielmehr ein Text trifft mit einem*r Leser*in zusammen. Dies beschreiben wir oftmals als eine Stärke der Onlineberatung, weil wir eben nicht durch ablenkende Hinweisreize in eine Richtung gedrängt werden – ich treffe nicht auf einen Menschen, sondern auf ein Produkt das er erschaffen hat.

Gleichwohl kann es eben sein, dass ich mit einem Text einfach nicht „warm“ werde. Was kann ich also tun? Hilfreich ist hier aus meiner Sicht, einmal ganz bewusst unterschiedliche Lesetechniken anzuwenden, wie sie Alexander Brunner (2006) in seinem Artikel „Methoden des digitalen Lesens und Schreibens in der Online-Beratung“ (Ich gehe an dieser Stelle nicht ausführlicher hierauf ein, da der Artikel lesenswert ist und die Methodik umfassend erklärt)

Die mangelnde Kooperationsbereitschaft
Der*die Ratsuchende macht einfach nicht mit! Na sowas! 🙂
Zeigen Ratsuchende Widerstände, so sollte ich darin nicht „Beratungsresistenz“ vermuten, sondern zunächst einmal davon ausgehen, dass diese Widerstände einen Nutzen haben. Mangelende Kooperationsbereitschaft gibt es eigentlich nicht – und wenn doch, so hat sie einen guten Grund!
Fragen, die ich als Berater*in mir in diesem Moment stellen muss: Habe ich den Auftrag geklärt? Bin ich an den Zielen und Wünschen des*der Ratsuchenden orientiert oder verfolge ich vielleicht eigene Ziele?
Hilfreich ist es aus meiner Sicht in solchen Situationen auch einfach einmal auf die Meta-Ebene zu wechseln: Wenn es mir gelingt dem*der Ratsuchenden meine Irritationen mitzuteilen kann hierüber auch wieder ein Austausch und eine Klärung erfolgen.

Der Fake-Verdacht
In der Onlineberatung wird immer wieder über das Thema „fake“ diskutiert – und der fake-Begriff hat nicht zuletzt durch Donald Trump oder Pegida, AfD und Co. inzwischen eine Bedeutung erhalten, so dass ich ihn eigentlich gar nicht mehr benutze.
Gemeint ist aber letztlich der Moment, in dem wir als Beratende stark anzweifeln, was uns der*die Ratsuchende mitteilt. Der Text bietet sich natürlich an, um Widersprüche aufzudecken und Ungereimtheiten zu entdecken. Beim Gespräch bleiben hingegen nur einzelne Worte hängen und meine subjektive Dokumentation in Form eines Gedächtnisprotokolls.
Werde ich also in der Onlineberatung mit diesem „Unwahrheits-Gefühl“ konfrontiert bieten sich aus meiner Sicht folgende Schritte an: Zunächst überprüfe ich, welche Rolle die Ungereimtheiten spielen – was will mir der*die Ratsuchende ggf. mitteilen? Geht es um eine Inszenierung, die der*die Ratsuchende in diesem Kontext bewusst nutzen kann (und darf!)? Dann spreche ich ggf. meine Unsicherheiten an. Hierbei muss es mir gelingen deutlich zu machen, dass mein Vertrauen weiter gilt, ich aber mit den Störungen die entstanden sind, nicht gut weiterberaten kann. Wenn es mir gelingt dem*der Ratsuchenden eine Brücke zu bauen, die es ihm*ihr ermöglichst, sich ggf. neu zu öffnen, kann der Kontakt auch nach einer solchen Phase gestärkt weitergeführt werden.

Die Beziehungsverschiebung
Oder: Wenn aus Onlineberatung eine digitale Brieffreundschaft wird. Es gibt Beratungen, die machen unendlich viel Freude – und so laufen sie dann vielleicht auch unendlich lang weiter. Liegt aber kein Beratungsauftrag mehr vor oder bin ich tief enttäuscht, wenn mein*e Ratsuchende*r nicht zur gewohnten Zeit eine Antwort sendet, steht eine gute Selbstreflexion an! Ab zur Supervision und klären, was da los ist! Das ist jedem*jeder von uns schon einmal passiert – aber es bedarf einer guten Klärung und dann auch eines Berater*innenwechsels oder Beratungsabschlusses.

Störungen gehören zur Onlineberatung dazu – sie können aber online genauso gelöst werden (oder nicht), wie offline.