Beraten ohne sich gegenüber zu sitzen? Geht das denn!?

Immer wieder wird mir diese Frage gestellt. Seltsamerweise (oder auch nicht?) vor allem von den Beratenden. Für Kund/innen oder Klient/innen scheint es weit weniger fraglich zu sein, dass eine Beratung auch internetgestützt stattfinden kann und man sich nicht zwingend im gemütlichen Beratungszimmerchen gegenübersitzen muss, damit die Beratung auch wirklich gelingen kann.

Auch scheinen die einzelnen beratend tätigen Berufsgruppen hierzu unterschiedliche Haltungen zu haben. Die Skepsis der (Sozial-)Pädagogen und Psychotherapeuten scheint eher darauf bezogen, dass sich aufgrund der Kanalreduktion ja gar nicht richtig einschätzen ließe, wie es dem/der Klient/in wirklich gehe. Ich neige dann zurück zu fragen, ob sie sich denn 100%ig sicher seien, die „richtige“ Einschätzung treffen zu können, wenn ihnen jemand gegenüber sitzt. Sicher richtig ist aber: Es fehlen bei den textbasierten Beratungsformen die visuell wahrnehmbaren Reize, also muss ich als Berater/in lernen, aus dem Text heraus zu Einschätzungen zu kommen. Und was liegt da näher, als noch mehr nachzufragen bei meinem Ratsuchenden? Im besten Fall führt dieses Nachfragen nämlich zu mindestens diesen beiden Effekten:

  • der/die Ratsuchende fühlt sich in seinen/ihren Anliegen sehr ernst genommen („Da macht sich jemand die Mühe, mich wirklich verstehen zu wollen.“)
  • der/die Ratsuchende ist dazu aufgefordert, eine möglichst genaue Beschreibung seiner/ihrer Gedanken, Gefühle etc. schriftlich zu verfassen – es findet eine stärkere (Selbst-)Reflexion statt

Bei den Coaches, die sich ins Netz trauen stelle ich fest, dass Online-Coaching häufig in Form von videogestützten oder in 3-D-Räumen avatarunterstützt stattfindenden Formaten angeboten wird. Warum das so ist, ist mir selbst noch nicht klar. Irgendwer Ideen?

Ich kann nur Vermutungen anstellen: Müssen Coaches visuell wahrgenommen werden (als Avatar oder über die Webcam), weil das Medium „der Coach“ für den Prozess eine wichtige Rolle spielt? Mh, unbefriedigend. Irgendwas muss doch dahinter stecken, dass ich eigentlich fast keine Coaches finden kann, die ihr Beratungsangebot textgebunden zur Verfügung stellen? Jedenfalls scheint bei den Coaches die Skepsis, das Eine oder Andere auch mal „online“ stattfinden zu lassen etwas weniger groß zu sein – vielleicht weil Coaching oft im Businessbereich stattfindet und dort auch Videokonfrenzen und die Zusammenarbeit in virtuellen Teams üblicher ist.

Aber nochmal zurück zur Ausgangsfrage: Geht das? Ja, es geht. (Wäre ja auch schräg einen Blog zu einem Thema zu eröffnen, das gar nicht funktioniert, logo.) Viel interessanter ist hierbei sicherlich die Frage nach der Wirksamkeit dieser Form von Beratung. Hierzu werde ich in Zukunft noch etwas schreiben, möchte an dieser Stelle aber auf ein interessantes Forschungs-Projekt an der Leuphana Universität Lüneburg hinweisen. Dort werden sogenannte „onlinebasierte Internettrainings“ entwickelt, angewendet und evaluiert. Sie können hier ausführlich lesen worum es geht.

Eine Antwort auf die Frage: Und wie genau geht es denn nun? werde ich versuchen in einem meiner nächsten Artikeln hier zu geben. Vielleicht kann mir in der Zwischenzeit jemand die Coachingfrage beantworten?