Archiv für den Monat September 2013

Nachlese vom 6. Fachforum Onlineberatung in Nürnberg, Teil 1

Am 23. und 24. September fand an der TH Nürnberg das jährliche „Fachforum Onlineberatung“ zu sechsten Mal statt. Als wir vor gut sechs Jahren diese Tagung als relativ kleine Veranstaltung ins Leben gerufen haben, lautete die Marschroute „mal schauen was draus wird“. Dass sich diese Veranstaltung zur größten Tagung zum Thema Onlineberatung entwickeln würde, haben wir uns damals noch nicht ausgemalt.

Ich finde es spannend zu beobachten, was sich in den letzten Jahren getan hat und und wieviel gleichzeitig noch zu tun ist. Es gibt viele tolle Innovationen, sei es technischer (Softwareentwicklungen) oder konzeptionell-methodischer Art. Ich selbst hatte das Vergnügen, ein Forum zum Thema „Blended Counseling“ zu moderieren, inkl. Live-Zuschaltung von Tilman Pritzens aus Berlin, der von seiner Arbeit berichtete. Außerdem gaben vor Ort Wilfried Jahn von der Online-Schuldnerberatung Berlin des Deutschen Caritasverband, Martina Korn von HPE aus Österreich und Petra Schyma von der Onlineberatung von donum vitae e. V. spannende Einblicke in ihre Arbeit. Die vollständige Tagungsdokumentation wird in einigen Tagen zum Download hier bereitstehen.

Blended Counseling“ meint nichts anderes als die systematische Verknüpfung von unterschiedlichen Beratungssettings (Telefon, face-to-face und online). In vielen psychosozialen Beratungseinrichtungen wurde (und wird auch noch) Onlineberatung häufig noch neben der „klassischen“ face-to-face-Beratung  angeboten. Sozusagen als ein Zusatzangebot, das aber abgekoppelt von den anderen Beratungsangeboten stattfindet.

Je mehr sich aber die Onlineberatung in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden und vor allem gleichwertigen Beratungsformat entwickelt hat, desto mehr beginnen auch die Einrichtungen ihr beraterisches Handeln zu überdenken und die Onlineberatung in die Konzeption zu integrieren. Es entwickelt sich ein Verständnis dafür, dass eine professionell gestaltete Verzahnung von On- und Offline-Beratung für den Beratungsprozess gewinnbringend ist. So können Wartezeiten „online“ überbrückt, niedrigschwellige Einstiege bei schwierigen Problemlagen online beginnen und bei Bedarf face-to-face fortgesetzt oder schlicht und einfach flexiblere Beratungsangebote gestaltet werden.

Für die Beratenden bedeutet dies nichts anderes, als ihre Prozessverantwortung weiter zu denken: Wo liegen mögliche Implikationen für einen Settingwechsel? Wie gestalte ich diesen? Was ist hinsichtlich des Datenschutzes zu beachten?
„Nichts anderes“? Nun ja, es bedarf hier doch tiefergehender Überlegungen und auch einiger konzeptioneller Neustrukturierungen – teils auch über die eigenen Trägergrenzen hinaus, was nach wie vor schwierig ist, da Beratung oft an kommunale Geldtöpfe gebunden ist.

Ganz unabhängig davon bleibt für mich vor allem ein Satz, der im Laufe unserer Diskussion fiel in Erinnerung: „Unsere Klient/innen entscheiden, auf welchem Weg (on/offline) sie unsere Unterstützung in Anspruch nehmen möchten“. Einfach aber wahr.

Beratung und mobile Internet – Herausforderungen für die Gegenwart und Zukunft

Vor einigen Wochen erschien die neue ARD/ZDF-Onlinestudie 2013, in die jede/r einen Blick werfen sollte, der/die sich ein Bild über den aktuellen Entwicklungsstand der Internetnutzung in Deutschland machen möchte. Die wesentlichen Ergebnisse lassen sich in dieser Zusammenfassung lesen – unterm Strich lässt sich feststellen, dass die Onliner immer länger im online sind, was nicht zuletzt an der immer stärkeren Verbreitung der mobilen Endgeräte liegt. Interessant, wenn auch nicht überraschend, ist in diesem Zusammenhang, dass diejenigen, die ein Smartphone nutzen auch wesentlich länger online sind, als die, die „nur“ mit Laptop und/oder PC ins Netz gehen.

Mit dieser immer größeren Verfügbarkeit des Internet und der steigenden Selbstverständlichkeit irgendwie doch immer online zu sein, geht eine zweite Entwicklung einher: Auch Beratung und Coaching über das Netz werden mobil genutzt. Hierauf reagieren zu allererst die Anbieter von Onlineberatungs-Software, die Ihre Produkte insofern optimieren, dass sie auch problemlos über’s Tablet und mobile Endgeräte nutzbar sind.

Doch was bedeutet das für uns Beratende? Kürzlich sprach ich auf einer Tagung mit ein paar Onlineberatern, die mir zu dieser Entwicklung sagten „ich kann doch nicht auch ständig online sein – irgendwann ist doch auch mal gut?“. Auf mein Nachhaken stellte sich heraus: Es ging ihnen gar nicht so sehr um das „ständig online sein“ an sich, sondern vielmehr darum, dass sie in Frage stellten, welchen Wert ihre Beratungsleistung noch habe, wenn sie von den Empfängern „nebenbei in der U-Bahn“ abgerufen und gelesen werde.

Eine durchaus verständliche Frage, die ich mir auch stelle. Braucht Beratung über das Netz bestimmte Rahmenbedingungen? Ist es überhaupt noch „Beratung“, wenn Berater/in und Ratsuchende/r sich nur noch kurze Textnachrichten hin und her senden? Und wenn die Antwort „Nein“ lautet – was ist es denn dann und was wollen wir damit anfangen?

Vielleicht sollte die Frage aber in eine andere Richtung gehen und eher lauten: Wie wollen wir die Möglichkeiten (und Chancen!) die in der Nutzung auch des mobilen Internet stecken künftig für Beratungs-/Coachingprozesse nutzen?

Aus meiner Sicht müssen sich die Beratenden vor allem mit der Frage beschäftigen, wie sie ihr Gesamt-Beratungs-/Coachingangebot gestalten wollen. Unter dem Stichwort „Blended Counseling“ also der systematischen Verknüpfung der unterschiedlichen Beratungssettings (face-to-face, online, telefonisch, mobil…) lassen sich einige Antworten finden.

Es wird künftig nicht darum gehen, die Wertigkeit des Einen oder Anderen in Frage zu stellen. Vielmehr werden wir Konzepte entwickeln müssen, die sowohl das Eine als auch das Andere erlauben und uns als Beratende/Coaches im Sinne der Prozessverantwortung ermöglichen, für unsere Klient/innen und Kund/innen das bestmögliche Beratungssetting anzubieten.

Hierzu gehört neben der Entscheidung „Was biete ich wann und unter welchen Bedingungen an?“ auch das Bewusstsein für die Besonderheiten der jeweiligen Kommunikationsformen. Wem es gelingt ein stimmiges Konzept zu entwickeln, der wird auch künftig seine Zielgruppen erreichen und beraten können. (Und wer weiß, ob nicht auch manche Menschen wenn sie in der Bahn unterwegs sind, mehr Ruhe haben, als wenn sie Zuhause vorm Rechner säßen…)

5 Punkte für ein seriöses Online-Coaching-Angebot

Was macht eigentlich ein gutes internetgestütztes Beratungsangebot aus? Welche Kriterien sollte dieses Angebot erfüllen? Diese und ein paar weitere Fragen sollten Sie sich stellen, wenn Sie ein solches Angebot als Kund/in in Anspruch nehmen oder als Coach/Berater/in anbieten wollen.

Ich möchte Ihnen ein paar Qualitätskriterien vorstellen, die einfach zu überprüfen bzw. sicher zu stellen sind und Ihnen helfen sich im doch oft unübersichtlichen Angebots-Dschungel zu orientieren. Ich beschreibe diese Punkte folgend aus der Sicht der Anbieter solcher Produkte, da sie dafür verantwortlich sind ein seriöses Angebot auf die Beine und ihren Kund/innen zur Verfügung zu stellen.

1. Qualifizieren Sie sich – Online-Beratung ist nicht face-to-face Beratung über’s Internet
Es ist mir wichtig diesen Punkt gleich zuerst zu nennen. Wer ein professionelles und seriöse Online-Coaching-Angebot auf den Markt wirft, muss sich vorher entsprechend qualifizieren. Sie sind ja auch nicht einfach Berater/in/Coach/Supervisor/in geworden, ohne sich vorher entsprechend ausbilden zu lassen.

Oder anders gesagt: Nur weil Sie lesen und schreiben können, können Sie nicht gleich auch online beraten. Sie stimmen nicht zu? Nun, würden Sie jemanden zustimmen, der Ihnen sagt „Ich kann doch sprechen, also kann ich auch beraten!“? Vermutlich nicht. Online zu beraten (und ich meine hier eine textgebundene Beratungsform, häufig auch als „E-Mail-Beratung/Coaching/Supervision“ bezeichnet) erfordert besondere Kompetenzen. Es wäre zu kurz gedacht, würde man davon ausgehen, dass man einfach das, was man sonst face-to-face macht und gelernt hat, Eins-zu-Eins ins Virtuelle übertragen kann. Ich muss also lernen, wie Online-Kommunikation funktioniert und wie ich mit diesen Besonderheiten in Hinblick auf die Gestaltung eines Beratungsprozesses umgehen muss.

Kleine Zwischenbemerkung an dieser Stelle: Mir geht es hier nicht um die E-Mail-Coachingangebote, bei denen der/die Coach eine Mail an den/die Coachee sendet, in der Anregungen und Impulse zu einem bestimmten Thema stehen. Ich finde diese Idee super und nehme selbst gerade an einem Programm von Katrin Linzbach teil. Worüber ich hier spreche sind die Angebote, bei denen ein Teil oder ein gesamter Beratungsprozess „ins Netz“ verschoben wird und in dessen Rahmen eben auch sensible persönliche Inhalte und Daten mitgeteilt werden.

Nun ist es in der Tat noch so, dass es nicht besonders viele Qualifizierungsangebote in diesem Feld gibt. Die Beratungs- und Coachingverbände bzw. die Ausbildungsinstitute haben das Thema „Online-Coaching/Beratung“ o. ä. (noch) nicht in ihren Ausbildungscurricula stehen. Warum eigentlich? Nochmal: Online-Coaching ist nicht face-to-face Coaching mit einem anderen Medium. Wen Sie hierzu mehr lesen möchten, empfehle ich Ihnen diesen Artikel von Alexander Brunner im e-beratungsjournal.net.

2. Beachten Sie den Datenschutz
Ein schwieriger Punkt in Hinblick auf die aktuellen und immer weitere Kreise ziehenden NSA-Enthüllungen von Edward Snowden. Mir geht es aber bei diesem Punkt weniger um die Speicherung von Daten durch internationale Geheimdienste (dies ist in der Tat ein Problem und bedarf einer politischen Klärung), sondern vielmehr darum, dass eine Beratung per (unverschlüsselter) Mail nicht sicher ist. Das Versenden einer Mail ist ein bisschen wie das Verschicken einer Postkarte. Die Mail wandert über verschiedene Server, wird an unterschiedlichen Stellen gespeichert und man muss nicht der amerikanische Geheimdienst sein, um diese Mails knacken und lesen zu können.

Darum sollte ein Online-Beratunsgangebot in jedem Fall nur verschlüsselt oder besser noch unter der Verwendung einer speziellen Beratungssoftware stattfinden. Letztere hat zudem den Vorteil, dass hierrüber auch eine anonyme Beratung stattfinden kann, wenn es gewünscht ist. Die Daten bleiben auf einem Server, auf dem sich Berater/in und Kund/in anmelden. Es werden keine Mails herumgeschickt, die womöglich auf dem Familien- oder Dienst-PC landen und in falsche Hände gelangen können.

Wenn Ihnen als Berater/in/Coach/Supervisor/in das Thema „Verschwiegenheit“ ernst ist, sorgen Sie dafür, dass Sie diese Sicherheitsvorkehrungen für Ihre Kund/innen treffen! (Oder weisen Sie wenigstens auf die möglichen Risiken hin, damit Ihre Kunden selbst entscheiden können, ob sie das Angebot nutzen möchten oder nicht).

3. Machen Sie sich klar, was machbar ist und was nicht und teilen Sie dies Ihren Kund/innen mit
Hier sind Sie als Expert/in für die Steuerung des Beratungsprozesses zuständig. Je nachdem in welchem Beratungsfeld Sie tätig sind, wird es Themen(komplexe) geben, die Sie online weniger gut besprechen können und wollen.

Denken Sie daran, dass Sie die Einschätzung der Situation Ihres Kunden/Ihrer Kundin nur anhand eines Textes vornehmen können. Dies bedarf besonderer Lesekompetenzen und eines Bewusstseins für die Besonderheiten von Online-Kommunikation (s. o.). Wenn Ihre Klientel z. B. psychische Probleme mit im Gepäck hat, gilt es ganz besonders genau hinzulesen und zu entscheiden, wo die Grenzen Ihres Angebotes sind. Sie wissen und kennen das, weil Sie das auch tun, wenn Sie Ihre Kund/innen von Angesicht zu Angesicht beraten. Aber hier haben Sie eben „nur“ den Text und sowohl die Worte Ihrer Kund/innen als auch Ihre eigenen wirken auf ganz besondere Art und Weise.

Seien Sie also transparent und machen Sie deutlich, was Sie auf diesem Wege leisten können und vor allem auch was nicht!

4. Machen Sie deutlich was Ihr Angebot ist und wie es um Ihre Erreichbarkeit steht
Personen, die sich über das Internet an ein Beratungsangebot oder eine/n Coach wenden, tun dies oft, weil sie daran ganz bestimmte Erwartungen verknüpfen: Eine schnelle Antwort, Schreiben zu können, „wenn es unter den Nägeln brennt“ und (zunächst) anonym bleiben zu können usw.

Je nachdem, was Sie anbieten wecken Sie also bestimmte Erwartungen oder können unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen oder nicht. Es macht also Sinn, dass Sie auf Ihrer Webseite genau beschreiben, was Ihre Kund/innen online von Ihnen erwarten können. Nichts ist frustrierender, als auf eine Anfrage per Mail erst fünf Tage später eine Antwort zu bekommen (oder noch schlimmer einen Abwesenheitsassistenten mit Standardspruch). Tragen Sie dafür Sorge, dass Ihre Kunden genauso über Ihr Online-Angebot Bescheid wissen, wie über das, was Sie face-to-face anbieten. Geben Sie einen Hinweis, wie lange es dauert, bis eine Erstantwort von Ihnen kommt und halten Sie diese Frist auch ein!

5. Verwenden Sie keine Textbausteine in E-Mails
Kein Mensch will eine Standardantwort zu einem persönlichen Anliegen erhalten. Es ist eine Frage der Wertschätzung Ihren Kund/innen gegenüber, dass Sie Ihnen individuell Ihrem jeweiligen Anliegen enstprechend Antworten.
Natürlich können Sie einen Text für eine Geschichte oder eine Entspannungsübung vorbereiten und als „Textbaustein“ in eine Antwort einfügen. Das ist in Ordnung. Aber alles Andere in Ihrer Antwort muss auf diese Anfrage zugeschnitten und individuell formuliert werden.

Sie denken bei diesem letzten Punkt: „Aber das ist doch selbstverständlich!“ Danke, dann freue ich mich und schüttele Ihnen auf diesem Wege die Hand! Leider habe ich auch schon anderes erlebt…

Das waren fünf Kriterien, die Ihnen dabei helfen ein seriöses und professionelles Online-Coaching/Online-Beratungs/Online-Supervisions- Angebot auf die Beine zu stellen. Vielleicht sind Sie auch schon online tätig und denken jetzt noch über die eine oder andere Ergänzung nach oder möchten sich fortbilden? Dann lade ich Sie herzlich ein auf meiner Website vorbei zu schauen und mit mir Kontakt aufzunehmen (wenn Sie mir eine Mail an meine Kontaktadresse senden, wird diese übrigens unverschlüsselt übermittelt und auf dem Server meines Providers (1&1) gespeichert).

Das ist mehr als Unterricht über’s Netz…

…was die Web-Individualschule  aus Bochum da macht. Gestern las ich diesen wirklich spannenden Artikel über die Arbeit dieser besonderen Schule auf Süddeutsche Online und muss seitdem darüber nachdenken, was wir für’s Coaching und Beraten daraus lernen können.

Besonders gut gefällt mir der Satz, den man auf der Startseite der Web-Schule lesen kann:

„Wir sprechen nicht nur die Sprache der Eltern, wir sprechen auch die der Schüler.“

An dieser Schule werden Kinder unterrichtet, die aus den unterschiedlichensten Gründen nicht die Regelschule vor Ort besuchen können oder wollen. Gäbe es dieses Angebot für sie nicht, würden sie wohl einfach zu Hause bleiben und den Schulbesuch verweigern oder unter größtem Leidensdruck in der Schule erscheinen, aber vermutlich wenig aus dem Unterricht mitnehmen.

Hier sehe ich eine Parallele für die Beratung: Mit internetgestützten Beratungsformaten ermöglichen wir es auch Menschen Unterstützung in Anspruch zu nehmen, die ein konventionelles Angebot nicht aufsuchen würden. Im sozialen Beratungsbereich ist dies inzwischen angekommen und wird auch als eines der Hauptargumente für ein Onlineberatungsangebot herangeführt.

Wenn es uns hier gelingt „die Sprache der Klient/innen“ zu sprechen – bzw. es müsste vielmehr „zu schreiben“ heißen – schaffen wir einen echten Mehrwert für die Menschen, die sonst nicht erreichbar wären.

In Hinblick auf die im Artikel der Süddeutschen genannten Beispiele stellt sich mir noch die Frage, welche Angebote neben den reinen Lernangeboten den Schüler/innen gemacht werden, um nach Abschalten des Laptop auch wieder den Zugang zu „realen Welt“ zu finden. Ein internetgestütztes Beratungsangebot hier anzuschließen, könnte eine wertvolle Ergänzung sein, die diesen Übergang ermöglicht.

Beraten ohne sich gegenüber zu sitzen? Geht das denn!?

Immer wieder wird mir diese Frage gestellt. Seltsamerweise (oder auch nicht?) vor allem von den Beratenden. Für Kund/innen oder Klient/innen scheint es weit weniger fraglich zu sein, dass eine Beratung auch internetgestützt stattfinden kann und man sich nicht zwingend im gemütlichen Beratungszimmerchen gegenübersitzen muss, damit die Beratung auch wirklich gelingen kann.

Auch scheinen die einzelnen beratend tätigen Berufsgruppen hierzu unterschiedliche Haltungen zu haben. Die Skepsis der (Sozial-)Pädagogen und Psychotherapeuten scheint eher darauf bezogen, dass sich aufgrund der Kanalreduktion ja gar nicht richtig einschätzen ließe, wie es dem/der Klient/in wirklich gehe. Ich neige dann zurück zu fragen, ob sie sich denn 100%ig sicher seien, die „richtige“ Einschätzung treffen zu können, wenn ihnen jemand gegenüber sitzt. Sicher richtig ist aber: Es fehlen bei den textbasierten Beratungsformen die visuell wahrnehmbaren Reize, also muss ich als Berater/in lernen, aus dem Text heraus zu Einschätzungen zu kommen. Und was liegt da näher, als noch mehr nachzufragen bei meinem Ratsuchenden? Im besten Fall führt dieses Nachfragen nämlich zu mindestens diesen beiden Effekten:

  • der/die Ratsuchende fühlt sich in seinen/ihren Anliegen sehr ernst genommen („Da macht sich jemand die Mühe, mich wirklich verstehen zu wollen.“)
  • der/die Ratsuchende ist dazu aufgefordert, eine möglichst genaue Beschreibung seiner/ihrer Gedanken, Gefühle etc. schriftlich zu verfassen – es findet eine stärkere (Selbst-)Reflexion statt

Bei den Coaches, die sich ins Netz trauen stelle ich fest, dass Online-Coaching häufig in Form von videogestützten oder in 3-D-Räumen avatarunterstützt stattfindenden Formaten angeboten wird. Warum das so ist, ist mir selbst noch nicht klar. Irgendwer Ideen?

Ich kann nur Vermutungen anstellen: Müssen Coaches visuell wahrgenommen werden (als Avatar oder über die Webcam), weil das Medium „der Coach“ für den Prozess eine wichtige Rolle spielt? Mh, unbefriedigend. Irgendwas muss doch dahinter stecken, dass ich eigentlich fast keine Coaches finden kann, die ihr Beratungsangebot textgebunden zur Verfügung stellen? Jedenfalls scheint bei den Coaches die Skepsis, das Eine oder Andere auch mal „online“ stattfinden zu lassen etwas weniger groß zu sein – vielleicht weil Coaching oft im Businessbereich stattfindet und dort auch Videokonfrenzen und die Zusammenarbeit in virtuellen Teams üblicher ist.

Aber nochmal zurück zur Ausgangsfrage: Geht das? Ja, es geht. (Wäre ja auch schräg einen Blog zu einem Thema zu eröffnen, das gar nicht funktioniert, logo.) Viel interessanter ist hierbei sicherlich die Frage nach der Wirksamkeit dieser Form von Beratung. Hierzu werde ich in Zukunft noch etwas schreiben, möchte an dieser Stelle aber auf ein interessantes Forschungs-Projekt an der Leuphana Universität Lüneburg hinweisen. Dort werden sogenannte „onlinebasierte Internettrainings“ entwickelt, angewendet und evaluiert. Sie können hier ausführlich lesen worum es geht.

Eine Antwort auf die Frage: Und wie genau geht es denn nun? werde ich versuchen in einem meiner nächsten Artikeln hier zu geben. Vielleicht kann mir in der Zwischenzeit jemand die Coachingfrage beantworten?

Warum Coaches online beraten müssen

Das Strahlen im Gesicht meiner Kundin hätten Sie sehen sollen! Sie stand vor einem beruflichen Wechsel und damit vor einem Umzug in eine andere Stadt. Wir hatten einen Coachingprozess mit mehreren Treffen hinter uns und trafen uns nun zu unserer letzten gemeinsamen Sitzung. Das es aber nur das letzte Treffen sein sollte bei dem wir uns direkt gegenübersitzen sollten, wusste meine Kundin zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Meine Kundin begann also damit zu berichten, wie ihr das Coaching geholfen habe. Gleichwohl sei sie jetzt schon etwas unsicher, was sie in der neuen Stelle und Stadt erwarten werde. „Es ist schade, dass wir uns jetzt verabschieden müssen. Ich würde Sie am liebsten als Coach mitnehmen“, sagte sie. Und ich antwortete „Dann machen Sie es doch!“

Schweigen. Verblüffung und etwas Verwirrung machte sich im Gesicht meiner Kundin breit. Nun war ihr ziemlich sicher klar, dass ich nicht die gut 600 Kilometer hinter ihr her reisen würde, damit wir unseren Coachingprozess fortsetzen könnten, also klärte ich sie auf: Darüber, dass ich ihr künftig auch online ein Coaching anbieten könne und sie so in den ersten 100 Tagen im neuen Job begleiten würde. Erleichterung und ein strahlendes Gesicht schlugen mir entgegen. Eine klassische win-win-Situation: Meine Kundin war glücklich darüber, dass sie ihren Coachingprozess fortsetzen konnte und ich durfte mich auf weitere Honorare freuen.

Nun ist mir wichtig deutlich zu machen, dass es nicht um ein „wir bleiben per Mail in Kontakt“ geht. Online-Coaching bedeutet, dass ich eine qualifizierte Beratung über eine Beratungssoftware anbiete, die die Notwendigkeit einer datensicheren Speicherung und Übertragung unseres Coachingprozesses berücksichtigt. Das ist echte Arbeit und nicht nur ein lockerer Kontakt, in dem man sich mal berichtet, wie es so läuft. Hierzu werde ich in meinen nächsten Artikeln mehr schreiben.

Menschen die Beratung anbieten (ob als Coaches, Supervisor_innen oder Trainer_innen) sollten die Chance das Internet für ihr Angebot zu nutzen nicht verstreichen lassen. Es geht nicht darum einen Trend zu folgen und eben „auch online“ zu sein, sondern darum die Möglichkeiten einer internetgestützten Beratung zu nutzen, um

  • neue Kund_innen zu gewinnen
  • den Bedürfnissen von zeitlich stärker eingeschränkten Menschen (und dazu gehören nicht nur Top-Manager, sondern auch Eltern oder selbständig Tätige) gerecht zu werden
  • eine Form von Beratung anzubieten, die neue Reflexions- und Entwicklungsmöglichkeiten bei den Kund_innen fördert.

Dass es hierfür mehr bedarf als „nur“ der Fähigkeit beraten zu können, liegt eigentlich auf der Hand. Denn über das Netz zu beraten heißt eben auch ganz anders zu beraten als bisher. Als Beratende muss ich damit umgehen, dass mir nur ein Text zur Verfügung steht oder aber ich muss mich mit den technischen Unwegsamkeiten eines Video-Chats herumschlagen. Es bedarf also besonderer Kompetenzen und Qualifikationen, um auch online eine gute Beratung anbieten zu können.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht? Als Coach oder auch als Kund_in eines solchen Beratungsangebots? Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldungen. Empfehlen möchte ich Ihnen außerdem das Interview, das Svenja Hofert für ihr Online-Magazin zum Thema Online-Coaching mit Brigitte Koch geführt hat.